PSR – Der point of safe return

Juli 23rd, 2016

"Die Umkehr der Meridian" - Carlos Rasch„»Orangeroter Himmel und tiefschwarz dunkle Nacht,
der Sterne reines Leuchten in dicht gesäter Pracht…«“ (S.47)

Zum Inhalt: In 12 Kapiteln schildert Carlos Rasch den Expeditionsflug der drei Schiffe ‚Sierra‘, ‚Kallisto‘ und ‚Meridian‘, wobei der Flug, sowie die Kulisse der Schiffe vor allem dazu dient eine Darstellung gesellschaftlicher Strukturen im Jahre 2232 zu beschreiben, wie sie sich Rasch vorstellte. Auch hier zieht sich die positive Sichtweise des Autors im Hinblick auf die Entwicklung der Menschheit durch, was sich auch in seinen anderen Texten immer wieder niederschlägt (siehe z.B. ‚Der Untergang der Astronautic‘,‚Das unirdische Raumschiff‘ oder seine Ausführungen zum Thema phantastische Literatur im Almanach ‚Lichtjahr 3‘). Die Handlung siedelt Rasch zwischen dem Unglück der ‚Astronatic‘ vor 20 Jahren und dem Abflug der ‚Trans-Sol 1‘ in Richtung Epsilon Eridanus an. Dreh- und Angelpunkt stellt die psychische Entwicklung des Ingenieuers Suko Susako dar, dessen verheimlichte posttraumatische Störung nach einem Flugzeugabsturz in den einsamen Tiefen des Alls und unter den beengten Verhältnissen des Raumers ‚Meridian‘ kulminiert. Die freiwillig in der ‚Meridian‘ verbliebenen Raumfahrer haben es sich zum Ziel gesetzt unter Aufbringung aller technischen und menschlichen Möglichkeiten den Außenrand des Sonnensystems nach Hindernissen abzusuchen, welche dem geplanten überlichtschnellen Flug zu anderen Sternensystemen gefährlich werden könnten. Hierbei kommt es beim Umkehrmanöver durch den Peilstrahl aus einem eben dieser Sternensystem zu einem technischen Problem im Antrieb. Suko gehen die Nerven durch und mit einer unüberlegten Schaltfolge legt er den Raumer beinahe lahm. Es beginnt ein monatelanger ungewisser Flug Richtung Sonne, um zumindest die gesammelten Daten in Reichweite von bemannten Schiffen zu bringen, damit die Wissenschaftler der Erde sie bergen und auswerten können. Immer wieder spitzt sich dabei die Situation um Sukos Psychose zu und eskaliert schließlich. Eine Rettung scheint mehr als fraglich und die Mannschaft der ‚Meridian‘ stellt sich die Frage, ob sie das gleiche unvermeidliche Schicksal wie die Raumfahrer der ‚Astronautic‚ ereilen wird.

Fazit: Zwischen Raschs Erzählungen ‚Der Untergang der Astronautic‘ und ‚Das unirdische Raumschiff‘ stellt dieser Text den historisch-erzählerischen Konnex dar, wobei eine weitere Facette des Lebens im Raum und den damit verbundenen Implikationen beleuchtet werden. Bei allen Errungenschaften, die das Leben im Jahr 2232 zu bieten hat, bleibt der Mensch mit seinen Urängsten doch stets aufs Neue konfrontiert und nur sein Umgang damit in Hinblick auf ein größeres Kollektiv weist ihn als gereift oder gescheitert aus. Auch hier, ebenso wie in ‚Das unirdische Raumschiff‘ ist Raschs Universum dem Menschen gegenüber neutral, so lässt er Haton sagen »Der Kosmos ist ungefährlich, aber wenn er zupackt, tut er es blitzschnell.« (S.112). Es ist der Mensch resp. die Menschheit, welche im kosmischen Gefüge ihr Schicksal zu gestalten imstande ist, stets jedoch an den unumstößlichen Gesetzen größeren Seienswelten gemessen wird, als die des einzelnen Lebens. Dabei verneint Rasch keineswegs Individualität oder gar die Wertigkeit des einzelnen Menschen, streicht – seiner inneren Einstellung folgend – jedoch stets hervor, dass mit den individuellen Stärken und Fähigkeiten die moralische Verantwortung des Einzelnen für das Gesamte wächst. In Summe eine spannende und sozial- und literaturhistorisch ansprechende Erzählung, die auch 50 Jahre nach ihrer Ersterscheinung Tiefgang beweist.

Buchdaten:

  • Titel: „Die Umkehr der Meridian“
  • Autor: Carlos Rasch
  • Ausgabe: EBook Edition Digital 2015 2)
  • Verlag: Edition digital ®
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN: 978-3-95655-514-5 (E-Book)
  • Dateigröße: 1,25

(1) Alle Angaben, sowohl Seiten-/Positionsnummern, wie auch technische Details, beziehen sich auf die PDF-Ausgabe des Rezensionsexemplares

(2) Die Druckausgabe erschien erstmals 1966 im Militärverlag, Berlin.

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Über das Selbstverständnis der Science-Fiction

Juli 18th, 2016

"Lichtjahr 3" - Verlag Neues Berlin„So ignorant es ist die utopische Literatur auf Zukunftsliteratur zu reduzieren, so reduziert ist utopische Literatur, die das historische Maß der Zukunft ignoriert.“ (S.52)

Zum Inhalt: Im Vergleich zu den ersten beiden Bänden aus der Lichtjahr-Reihe liegt der Schwerpunkt des dritten Bandes nicht primär in der Präsentation phantastischer Literatur im Sinne von Erzählungen, Kurzgeschichten oder der erzählerischen Entführung des Lesers in die Klassiker der SF. Es ist vielmehr ein Sich-zurücknehmen und sozusagen aus einer Art involviertem Abstand den Überblick zu entwerfen über die Landkarte der Phantastik. Zentrale Fragen dabei sind u.a.: Was ist phantastische Literatur, was macht sie aus? Welchen Beweggrund gibt es derartige Literatur zu entwerfen? Was sind die Beweggründe eines Schriftstellers sich diesem Feld schreibenden Schaffens zu widmen? Die Herangehensweisen sind erfrischend vielfältig, um nicht zu sagen oft scheinbar gegensätzlich, in letzter Konsequenz jedoch meist einander ergänzend. Ob es die durch Arkadi Strugatzki ausgedrückte Grundeinstellung ist (siehe Zitat am Ende des Artikels), welche sehr speziell auf die Phantastik abzielt, oder das Eingebettetsein in das Kaleidoskop der Literaturschaffenden im Allgemeinen und ihre auch ideologische Bedeutung im speziellen („Utopische Literatur, scheinbar ein Musterbeispiel für Unverbindlichkeit, ist (wie jede Unterhaltungsliteratur!) in Wirklichkeit ideologieträchtig.“ (S.100)), stets wird versucht sich dem Phänomen der SF so individuell zu nähern, wie es auch dem Anspruch der unterschiedlichen Autoren entspräche.
„Daß es so viele miserable SF-Geschichten gibt, spricht nicht dagegen [- dass sich Science Fiction als legitimer Teil der Literatur erweist]; es ist keine Frage des wissenschaftlich-technischen Denkens oder gar des Genres, sondern des literarischen Unvermögens. Schlechte SF-Schreiber wären mit Sicherheit ebenso schlechte Autoren in anderen Genres. Ich vermute, daß mancher sich in der Sicence-Fiction versteckt, weil er anderswo zu schnell als Scharlatan entdeckt würde.“ (S.6) An diesem Zitat von Gert Prokop lässt sich bereits erahnen, dass sehr oft eine amüsant spitze Feder geführt wird, die pointiert Sichtweisen zusammenfasst, die für den Diskurs um den Stellenwert der aufstrebenden Phantastik bezeichnend sind.
Bei all den Artikeln zum Selbstverständnis der phantastischen Literatur – i.d.R. zusammengefasst unter dem wiederkehrenden Titel „Hundert Zeilen über SF“ – kommen auch SF-Erzählungen selbst nicht zu kurz, sei es Gottfried Meinholds „Liana Halwegia“, Ralf Krohns „Der Arzt“ oder die amüsante und kurzweilige Geschichte von Ágnes Hosszu „Hermann, das Hermelin“, um nur einige wenige zu nennen.
Hermann Ley liefert in „George Orwells ambivalente Apotheose auf 1984“ einen durchaus kontroversiell zu diskutierenden Ansatz einer Interpretation von Orwells Klassiker. Zuerst befremdlich in einer fast polemischen Art gehalten, erschließen sich bei wiederholter Lektüre einige sehr interessante Ansätze der Auslegung des orwellschen Textes.
Am Schluss des Bandes angelangt wird das in ‚Lichtjahr 2‘ begonnene Verzeichnis der in der DDR publizierten SF fortgesetzt, was einen wertvollen Fundus für alle diesbezüglich literarisch Interessierten darstellt. Auf diese Art und Weise findet man unzählige Verweise auf Romane, Erzählungen, Folgeliteratur ausgezeichnet aufgearbeitet und immer wieder für eine Aha-Erlebnis gut.

Fazit: Interessiert man sich für SF im Allgemeinen und SF aus dem Bereich der DDR im Speziellen, kommt man immer mal wieder mit einem der zahlreichen Autoren, welche in diesem Band ihren Beitrag leisten, in Berührung. Dabei hebt ein spezielles Faktum ‚Lichtjahr 3‘ etwas heraus: hier liest man nicht alleine einige Werke jener Autoren, was per se schon reizvoll ist, sondern es kommen eben diese Schriftsteller zu Wort, um einen Einblick in ihr höchst individuelles Verständnis von phantastischer Literatur im weitesten Sinne zu geben.

Zum Buch: Schon der Schutzumschlag des mit seinen Abmessungen ohnehin etwas extravaganten Buches macht neugierig. Neben den wunderschön gestalteten, größtenteils mehrfarbigen Illustrationen, findet auch die Typografie ein breites Spektrum an Ausprägungsformen. Bild und Text gehen dabei Hand in Hand, einander ergänzend, um dem Leseerlebnis einen Unterbau auf Basis der bildnerischen Kunst zu geben, ohne dass sich diese aufdrängt. Drucktechnisch und buchbinderisch – Stichwort: Fadenheftung – gibt es am gesamten Band nichts zu bemängeln, so dass es sich um einen nicht nur des Inhaltes wegen lesens- und sammelnswerten Band der SF-Geschichte handelt. So meint etwa Arkadi Strugatzki: „Phantastik ist kein Thema, sondern eine Denkweise.“ (S.175) und fasst damit prägnant eine Vielzahl von literarischen Annährungen an die SF in diesem Band und generell in der phantastischen Literatur, welche in der DDR – und nicht nur dort – publiziert wurde, zusammen.

Buchdaten:

  • Titel: „Lichtjahr 3“
  • Umfang: 280 Seiten
  • Verlag: Das Neue Berlin; Auflage: 1. Auflage (1. Januar 1984)
  • Sprache: Deutsch
  • Lizenz-Nr.: 409-160/149/84 LSV 7900
  • Größe: 21,2 x 19,2 x 2,5 cm

Die Erben der ‚Astronautic‘ und der ‚Meridian‘

Juli 9th, 2016

"Das unirdische Raumschiff" - Carlos Rasch„Wer mit dem Gedanken an die Unsterblichkeit spielt, ist gewöhnlich geisteskrank.“ (S.19)1)

Zum Inhalt: Drei Jahrzehnte sind seit dem Disaster mit der ‚Astronautic‚ vergangen, deren einziger Überlebender – der legendäre Raumfahrer Nor – den umissverständlichen Beweis mit zur Erde brachte, dass die Erdenbewohner nicht alleine als intelligenzbegabte Wesen im All existierten. Wie es der Menschheit in der von Rasch gezeichneten Zukunft eigen ist, lässt ihr Forschergeist nicht nach, bis sie es endlich schaffen mit der ‚Trans-Sol 1‘ eine photonengetriebenes Raumschiff zu konstruieren, welches es den Irdischen ermöglicht den Sprung dorthin zu wagen, wo die Quelle der von der ‚Astronautic‘ aufgezeichneten außersolare Sendung liegt. Dabei ist weniger das Factum überraschen, die Galaktischen anzutreffen, als vielmehr vor der Erkenntnis zu stehen, dass man bereits hoffnungsvoll erwartet wurde. „Diese ungewöhnliche Wendung der Dinge war beinahe unbegreiflich. Wie kompliziert hatte man sich die erste Begegnung mit einer anderen Intelligenz vorgestellt. Dabei war sie im Handumdrehen und mit keinen nennenswerten Schwierigkeiten erfolgt.“ (S.41)

Fazit: Carlos Rasch spinnt den Faden, den er mit den Erzählungen ‚Der Untergang der Astronautic‘, sowie ‚Die Umkehr der Meridian‘ bereits entwickelt hatte in dieser Erzählung weiter, wobei der Schwerpunkt auf der Tuchfühlung – sowohl des Lesers, wie auch der Trans-Sol-Besatzung – mit einer andersartigen, unirdischen Gesellschaft hochentwickelter Wesen liegt. Erfrischend eutopisch, ganz der Einstellung des Autors entsprechend, schildert er dabei die enthusastische Überwindung von kommunikativen, technischen sowie ethischen Untiefen, wenn denn nur beide Seiten gewillt sind, einen wertschätzenden Kontakt herzustellen. Spannung ist nicht gerade die hervorstechendste Eigenschaft des Textes, wobei es Rasch auch nicht primär um reißerische Stilmittel geht, sondern vielmehr um die Promotion einer zutiefst humanistisch sozialistischen Einstellung, deren sich seine Charaktere befleißigen (Besonders enthusiastisch tritt Rasch für diese seine Einstellung in dem Beitrag „Ist Utopolis nur für Träumer“ in ‚Lichtjahr 3 – Ein Phantastik-Almanach‘ auf.). SF-historisch gesehen eine vielversprechende Lektüre und ein Gegenpol zu effektheischenden Space Operas.

Buchdaten:

  • Titel: „Das unirdische Raumschiff“
  • Autor: Carlos Rasch
  • Ausgabe: EBook Edition Digital 2015 2)
  • Verlag: Edition digital ®
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: 978-3-95655-496-4 (E-Book)
  • Dateigröße: 810kb

(1) Alle Angaben, sowohl Seiten-/Positionsnummern, wie auch technische Details, beziehen sich auf die PDF-Ausgabe des Rezensionsexemplares

(2) Die Druckausgabe erschien erstmals 1963 im Verlag Neues Leben, Berlin (Das Neue Abenteuer, Heft 258)

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Vom Einenden eines höheren Zieles

Juli 8th, 2016

"Der Untergang der Astronautic" - Carlos Rasch„Wem die Sonne winkt, geht die Erde nicht verloren “ (S.5)1)

Zum Inhalt: Die ‚Astronautic‘ fliegt mit ihrer Besatzung an den Rand des Sonnensystems, um zu erkunden, wie weit der Radius des bemannten Raumfluges ausgedehnt werden kann. Flüge im Bereich bis zum Mars stellen schon lange keine Besonderheit mehr dar, einen Flug jenseits der Pluto-Bahn zu wagen hingegen bedeutet Neuland. Die handverlesenen Spezialisten und Spezialistinnen an Bord des Raumers sind am Wendepunkt ihrer Mission bester Dinge und bereiten sich bereits auf den Umkehrschub Richtung Erde vor, als fremde überlichtschnelle Signale aufgefangen werden, die nach der Ortsbestimmung vom elf Lichtjahre entfernten Epsilon Eridanus stammen müssen. Mitten in die Euphorie über diese Entdeckung trifft die Kollision des Schiffes mit einem Meteoritenfragement, welches die ‚Astronautic‘ als Wrack und nur noch eine Rumpfmannschaft zurücklässt. Es ist nun die oberste Priorität eben dieser Mannschaft zum einen die Signale zu dechiffrieren, eine Antwort zu senden und zum anderen diese bahnbrechende Entdeckung samt den gesammelten Unterlagen so nahe als möglich mit dem desolaten Wrack an die Erdbahn zu bringen, in der Hoffnung, dass ein patroullierendes Raumschiff die wertvolle Fracht finden möge. Diese Aufgabe verlangt den verbliebenen Mitgliedern des Teams immens viel ab, bisweilen auch das Leben und keineswegs ist von Anfang an klar, ob die Mission überhaupt gelingen kann.

Fazit: Carlos Rasch schafft mit der Erzählung rund um die Fährnisse der Crew der ‚Astronautic‘ eine Geschichte die dem Genre der SF zugehörig ist und zurecht das ‚S‘ dieser Sparte vertritt. Und obwohl von Raumschiffen, Signalen aus fernen Galaxien und Unmengen technischem Beiwerk die Rede ist, fasziniert der mit viel Gespür für Nuancen herausgearbeitete Grundtenor des Zusammenlebens einer inhomogenen Mannschaft, die es schafft ihre persönlichen Wünsche, Ideen, ja sogar ihr Leben einem Ziel unterzuordnen von dem jeder auf seine ganz eigene Weise überzeugt ist, es sei für die Menschheit als Kollektiv von eminenter Bedeutung. Dabei sind die Charaktere in keinster Weise per definitionem altruistisch. Vielmehr ergibt sich aus den Interaktionen einen Mélange welche die Aussage bestätigt, dass die Summe auch hier mehr als ihre Einzelteile ergibt; v.a. ein Mehr der positivsten Seiten des Gemein-Wesens Mensch.

  • Titel: „Der Untergang der Astronautic“
  • Autor: Carlos Rasch
  • Ausgabe: EBook Edition Digital 2015 2)
  • Verlag: Edition digital ®
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN: 978-3-95655-504-6
  • Dateigröße: 1,0MB (PDF-Version)

(1) Alle Angaben, sowohl Seiten-/Positionsnummern, wie auch technische Details, beziehen sich auf die PDF-Ausgabe des Rezensionsexemplares

(2) Die Druckausgabe erschien erstmals 1963 im Verlag Neues Leben, Berlin (Das Neue Abenteuer, Heft 215)

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Vom äußeren Wettstreit und inneren Frieden

Juli 8th, 2016

"Der alte Mann und das Meer" - Ernest Hemingway„Alles an ihm war alt, bis auf die Augen, und die hatten die gleiche Farbe wie das Meer und waren heiter und unbesiegt.“ (S.8)

Zum Inhalt: Der kubanische Fischer Santiago, dessen beste Jahre schon hinter ihm liegen, hat eine 84 Tage währende Durststrecke hinter sich, während der er vergeblich versuchte dem Meer Nahrung und somit auch Unterhalt für sein bescheidenes Leben abzuringen. Während der ersten 40 Tage begleitete ihn der Sohn eines Fischers aus dem Dorfes, der sich auch um das leibliche Wohl des Alten sorgt. Manolin – so der Name des Jungen – bringt Santiago regelmäßig Verpflegung in seine sehr bescheidene Behausung nahe dem Dorfrand.
Als der 85. Tag anbricht macht sich Santiago erneut auf die Herausforderung der See anzunehmen. Es ist ein imposantes Exemplar von Fisch, welches er schließlich an die Leine bekommt und es beginnt ein langes Kräftemessen zwischen Mensch und Natur. Letzten Endes gelingt es ihm den Fisch nach zähem  Ringen zu bezwingen und an der Seite seiner Schaluppe festzumachen. Damit erringt er jedoch nur einen Teilsieg, denn der mächtige Fisch hatte ihn zuvor weit hinaus auf’s Meer gezogen, was hieß, er musste nun den ganzen Weg zurück in den sicheren Hafen hinter sich bringen. Und dies vorbei an den hungrigen Jägern des Meeres, die schon auf ihre Chance hofften. Ohnehin schon fast am Ende seiner Kräfte gelingt es Santiago auch die heimatlichen Gestade zu erreichen, jedoch bleibt vom kapitalen Fang nur noch wenig mehr über, als das Gerippe und die Gewissheit sich erneut der Bewährung auf See gestellt zu haben.
Santiago fällt völlig erschöpft auf sein Bett und wird am nächsten Morgen von Manolin behutsam geweckt. Es freut ihn zu hören, dass der Junge ab jetzt wieder mit ihm hinaus zum Fischfang fahren will. „Niemand sollte im Alter allein sein, dachte er.“ (S.58)

Fazit: Vielfach wird die hier geschilderte Geschichte als Gipfel der Erzählkunst Hemingways tituliert, und dies zu recht. In beinahe minimalistischer, deswegen aber umso eindringlicherer Symbolik kondensiert Hemingway die Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umgebung, der Physis seiner Wirklichkeit ebenso wie jene archaische Selbstfindung in ebendieser Konfrontation in der sich das persönliche Sein seines Stellenwertes erst in letzter Konsequenz bewusst wird. Eine Findung, bar jeder Egomanie, bar jeden überhöhten Ich-AG Denkens, eingebettet in eine Umwelt als dessen Teil sie sich findet, in der sie organisch gewachsen und zu Hause ist, sich stets gewahr der Fährnisse die Leben ermöglichen, aber ebenso zu nehmen vermögen und deren Preis nicht verhandelbar ist.

Zum Buch: Den ersten Blickfang der Ausgabe des vorliegenden Buches stellt die künstlerische Gestaltung des Schutzumschlages unter Verwendung eines Holzschnittes von Frans Masereel dar. Insgesamt zieren 8 ausdrucksstarke in Schwarz/Weißdruck gehaltene Holzschnitte den Text, dem auf diesem Wege noch eine weitere Facette optischen Tiefgangs zuteil wird. Positiv fällt dabei auf, dass die Grafiken auf eigenständigen Blättern realisiert wurden um ein Durchscheinen des Schöndruckes zu vermeiden und den Lesefluss nicht zu stören. Ebenso angenehm auffällig ist der relativ kleine Satzspiegel, der dem Text genügend Raum an den Rändern lässt und durch die relativ große typografische Textgestaltung noch verstärkt wird. Bis auf einige kleinere Lapsus (siehe hier) ist auch drucktechnisch und buchbinderisch ein sehr ansprechender Leinenband realisiert worden.

Buchdaten:

  • Titel: „Der alte Mann und das Meer“
  • Autor: Ernest Hemingway
  • Umfang: 160 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Verlag GmbH
  • Sprache: Deutsch
  • Buch-Nr.: 01422-5
  • Größe: 19,2 x 12,5 x 1,9 cm

P.S.: Der Text diente 1958 John Sturges als Vorlage für seinen Film in dessen Hauprolle Spencer Tracy

Alte Weggefährten – neue Heimat

Juni 27th, 2016

"Die Parabank" - Perry Rhodan Silberband 67„Jeder Extremismus, gleich welcher politischen Farbe, ist verwerflich.“ (S.140)

Zum Inhalt: Nach wie vor scheint sich die Pattsituation mit den Paramags nahe dem Zentrum der Galaxie mehr und mehr zugunsten der Magnetiseure zu entwickeln. So gelingt es ihnen u.a. mit Hilfe der Koordinaten aus der Datenbanken des Meteorraumers die Lage des Solsystem zu identifizieren und mittels des PEW-Bezugstransdeformators Brückenköpfe im Asteroidengürtel sozusagen vor Terras Haustür zu errichten.  Dem PPA (Paraabstraktes pluskonstruktives Anitmateria-Aufbaufeld) als effizientestem Waffensystem der Paramags hat die Solare Flotte außer den beiden Schiffen Pilbo und Neomav, Überbleibsel aus der Accalauris-Krise, nichts entgegenzusetzen. Die Wende bewirken auch nicht Materialschlachten oder technische Überlegenheit, sondern vielmehr vorausschauende Planung, taktische Geduld und ein gut eingespieltes Team dessen sich Rhodan stets sicher sein darf.
Neben aller äußeren Bedrohungen steht auch die politische Zukunft Rhodans und somit die des Solaren Imperiums auf Messers Schneide. Terhera, Rhodans erbittertster Gegner in diesem Ränkespiel, lässt keine Finte aus, um politisches Kleingeld aus den Unbilden mit den Paramags zu schlagen. Dabei scheut er auch vor menschlichen Kollateralschäden nicht zurück. Und doch sind es immer wieder die scheinbar „kleinen“ Akteure in diesem großen galaktischen Theater, die in entscheidenden Augenblicken Wendungen einleiten, welche von moralischen Konflikten ebenso geprägt sind, wie vom Faktor Zufall oder dem was Terraner und ihre Stärke letztendlich ausmacht: dem Mensch-Sein.

Fazit: Es ist der Abschlussband des „Altmutanten-Zyklus“ und somit Zeit ein Ré­su­mé zu ziehen: Der neunte der Silberbandzyklen hinterlässt alles in allem keinen einheitlichen Eindruck. Zum einen scheinen die Autoren Leser aus dem Lager der klassischen Weltraumabenteuer ansprechen zu wollen, andererseits jedoch auch zu versuchen die Persönlichkeitsentwicklung eines selbstkritischen, fast fatalistischen Rhodan herauszuarbeiten. Diverseste kleine Nebenhandlung – beispielhaft hier nur die konstruiert wirkende Handlung rund um Kerlak in diesem Band – lassen den Handlungsfaden oft zerfranst und uneinheitlich wirken. Es ist bei Weitem keine schlechte Geschichte, welche die Autoren mit dem „Altmutanten-Zyklus“ abgeliefert haben, aber es gab auch schon erheblich Besseres, wie z.B. den „Schwarm-Zyklus“ oder den „Cappin-Zyklus“. Nichts desto trotz ist die Lektüre empfehlenswert, will man den Faden in der Geschichte nicht verlieren und Hintergründe in der Weltraumsaga rund um Perry Rhodan ergründen.
Als kleines Goodie habe ich die Notizen, die ich mir während des Lesens gemacht hatte als grafische Inhaltsangabe wieder im folgenden Link hinterlegt: Grafische Inhaltsangabe Bd. 67 .

Zum Buch: Eine Auffälligkeit an diesem Silberband bildet der Satzspiegel, der im Vergleich zum vorigen Band mehr Platz einnimmt und so den oberen und äußeren Seitenrand von 1,2 cm auf 0,9 cm verringert. Daraus resultiert ein optisch gedrängterer Eindruck des Schriftbildes, der aber nicht störend auf den Lesefluss oder die Gesamterscheinung des Textes Einfluss nimmt. Ansonsten ist der Band in der gewohnt soliden Machart gehalten und gibt sich drucktechnisch und buchbinderisch keine Blößen. Somit reiht er sich angenehm in die Sammlung der bestehenden Silberbände ein.

Buchdaten:

  • Titel: „Die Para-Bank“
  • Umfang: 398 Seiten
  • Verlag: VPM Verlagsunion Pabel Moewig KG
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3-8118-2031-1
  • ISBN-13: 978-3-8118-2087-7
  • Größe: 19,7 x 13,2 x 4,0 cm

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Im Abseits

Juni 9th, 2016

"Nicht von dieser Welt" - Arne Ulbricht„Immer häufiger, inzwischen mehrmals täglich, habe ich allerdings das Gefühl, irgendwo eine Stimme zu hören, die mir erklärt, dass ich mich im Jahrhundert geirrt habe und dass Menschen, die denken und sind wie ich, nicht mehr gebraucht werden.“ (S.196)

Zum Inhalt: Heinz Gödel, eigentlich ausgebildeter Pädagoge – lies Lehrer -, steht mit 36 vor der Entscheidung seinen derzeitigen Brotberuf in der Wirtschaft gegen eine Karrenzstelle an einer Schule zu tauschen. Diese Möglichkeit, seiner erlernten Profession nachzugehen, hatte er bereits resigniert ad acta gelegt. Nachdem er das Angebot mit gemischten Gefühlen annimmt, steht er vor der Herausforderung u.a. eine 9a zu unterrichten, in der die Generation Facebook auf ein Relikt einer anderen Zeit trifft: ihn.
Gödel lebt alleine mit seinem Hund, der sein Anker in dieser physischen Welt zu sein scheint, sozial größtenteils isoliert von seiner bürgerlichen Vorzeigeverwandschaft und abseits der aktuellen Technik, wie Fernsehen, Smartphones, Internet oder gar sozialen Netzwerken. („… von ihrem Sohn einem dicken, unsportlichen Menschen, der sich den Errungenschaften des 21. Jahrhunderts komplett und bei vollem Bewußtsein verweigert, denkt niemand etwas Gutes.“ (S.250)).
Er war „nicht Lehrer geworden, um gegen eine Klasse zu kämpfen.“ (S.101), aber das „Leben“ mit der 9a wird gestaltet sich zu einem existenziellen Spießrutenlauf. Von den LehrerInnen-Kollegen kommt bis auf eine Ausnahme (Sker) nicht nur keine Hilfestellung, sondern auch kein Funken Rückhalt, so dass er sich an seinem neuen Arbeitsplatz reichlich deplaziert fühlt („Ich fühle mich, als wäre ich ein Austauschschüler, der am Tisch sitzen muss, aber weder Sprache noch Sitte wirklich versteht.“ (S.146)). Vor diesem Hintergrund, auf einer Bühne voller Versatzstücke persönlichen Scheiterns, gefühltem und realem im Stich-gelassen- oder Verlassen-Werdens und dem der zunehmenden Überzeugung hier bzw. jetzt nicht her zu gehören, bahnt sich in der getretenen Seele Gödels eine zerstörerische Entwicklung ihren Weg, in der die minutiös konstruierte Rückzugswelt in katastrophaler Endgültigkeit auf das reale Hier und Jetzt prallt.

Fazit: In seinem Debütroman „Nicht von dieser Welt“ setzt sich Arne Ulbricht einmal mehr mit der Profession des Lehrers auseinander, wie er dies bereits in anderen Publikationen (z.B. „Lehrer: Traumberuf oder Horrorjob“, sowie als Kolumnist tut. Ulbrechts Text gewinnt durch die Ich-Perspektive seines Hauptprotagonisten eine vereinnahmende Intensität, deren schicksalshafte Entwicklung erahnbar, jedoch in ihrer letzten Konsequenz nicht vorhersehbar ist. Im Klappentext fasst ein Satz pointiert zusammen, was es mit den erzählerischen Stationen, den Streiflichtern im Leben Heinz Gödels auf sich hat: Es ist „ein eindringliches Psychogramm eines Lehrers…, der aus seinem Scheitern verhängnisvolle Konsequenzen zieht.“ Und auch wenn für im Hier-und-Jetzt mit all seinen digitalen Untiefen, unterhaltungstechnischen Fährnissen und Social-Network-Klippen verankerten „Normalbürger“ viele Aktionen Heinz Gödels für sich selbst nicht in Frage kämen, so sind Entwicklung und (Re-)Aktionen dieses Charakters in sich und seiner Welt beängstigend schlüssig. Nicht zuletzt, weil annähernd jeder, der das bestehende Schulsystem „genossen“ hat (vor oder hinter dem nicht nur sinnbildlichen Pult), einen frappierend ähnlich gestrickten Gödel in der ein oder anderen Ausprägung kannte resp. kennt.
Auffallend angenehm empfand ich bei der Lektüre die durchgehend wertfreie Schilderung Gödels und seines fortschreitenden Verblassens in der realen Welt. Arne Ulbrecht scheut sich nicht davor ansonsten oft im dunkle belassene Ecken (eine davon ist das Lehrerzimmer) minutiös auszuleuchten, Macht- und Psychospielchen und gruppendynamische Katakomben ans Licht zu befördern, ohne dabei in ein plattes Spannertum abzudriften. Es geht dabei um so sensible Themen wie Empathie, Zivilcourage, Cybermobbing – zur Abwechslung ist hier einmal nicht der Focus auf die Schüler-Schüler-Beziehung gelegt – oder auch um soziale Integration, Resilienz und nicht zuletzt um die Interpretation des pädagogischen Auftrags in dem Spannungsfeld zwischen idealisiertem Bildungsziel, dem Anspruch an das viel beschworene – jedoch selten akkordierte – Niveau, der Sinnhaftigkeit einer sozialen Tätigkeit wie des Lehrens und des Erfüllens extrinsischer Ansprüche. Keine leichte Lesekost, denn als solche würde sie dem Thema nicht gerecht. Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Text in so manchem Lehrerkollegium einen regen und durchaus nicht unproduktiven Diskurs auslösen könnte, der dringendst von Nöten ist.

Zum Buch: Neben der festen Verleimung, dem angenehm leserlich gesetzten Text und den für ein Paperback erstaunlich soliden Buchdeckeln fällt v.a. die stimmige bildnerische Umschlaggestaltung  ins Auge für die Gudrun Hommers firmiert. Ein weiteres kleines aber nicht unwesentliches Plus stellen die Einschlagklappen dar, auf denen das Kurzporträt des Autors, sowie eine Zusammenfassung des Buchinhalts Platz finden.

Buchdaten:

  • Titel: „Nicht von dieser Welt“
  • Autor: Arne Ulbricht
  • Umfang: 290 Seiten
  • Verlag: Klak Verlag; (1. Auflage, 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-943767-58-2
  • Größe: 20,0 x 13,3 x 2,1 cm

Das Bild im Spiegel

Juni 6th, 2016

"Dem Abgrund so nah" - Jessica Koch„Wenn er es schaffte seine Seele zu schützen, dann hatte er gewonnen.“ (S.64)

Zum Inhalt: Danny, dem Leser aus dem ersten Teil der Trilogie bekannt, sieht sich mit seiner Familie nach dem Umzug nach Deutschland mit einer völlig neuen Umgebung, einem Land mit teils schrägen Gewohnheiten und Ritualen, neuem Schulsystem, sowie gänzlich neuen Menschen konfrontiert. Seine anfängliche Frohnatur, der unbändige Lebensübermut und kindliche Leichtigkeit lassen ihn diese Welt erobern, ohne damit sonderliche Schwierigkeiten zu haben. Diese beginnen als sein Vater zusehends mehr dem Alkohol verfällt, vor Gewalt gegenüber seiner Familie nicht mehr zurückschreckt und in alte zerstörerische Verhaltensmuster zurückfällt, von denen er selbst glaubte sie überwunden zu haben.
Danny, der sich in kindhafter Vorstellung als Auslöser, wenn nicht gar Verursacher, dieser verheerenden Entwicklung wähnt, verliert sich mehr und mehr in dem Wettlauf um elterlicher Bestätigung, der Suche nach Richtig und Falsch in einer derangierten Welt, in der es einzig und allein um’s nackte Überleben geht – sowohl im eigentlichen, wie auch im übertragenen Sinne. Es sind nur wenige handverlesene Menschen, denen Danny zur richtigen Zeit begegnet, die ihm einen Anstoß in eine positivere Richtung geben, einen liebenden Satz äußern, eine ehrliche Zuwendung teilen, die seinen Lebenspfad prägen. Einen Pfad der stets haarscharf am Abgrund dahinschrammt…

Fazit: Im zweiten Teil der Trilogie bleibt Jessica Koch ihrem ein- aber nicht aufdringlichen Schreibstil treu, welcher weder in Thematik noch Wortwahl beschönigt. Der Spiegel in den Danny teils nicht zu sehen wagt ist auch im übertragenen Sinne jener, den sich eine Gesellschaft des Wegsehens vorhalten lassen muss. („Es gab Tage da schaffte er es kaum, in den Spiegel zu schauen, ohne mit der Faust gegen das Glas zu schlagen.“ (S.215)). Den inneren Zweispalt, das Genügen-Wollen, aber Nicht-genügen-Können, sowie den äußeren Anspruch Danny’s an sein Selbst fängt die Autorin auch sprachlich wiederum bravourös ein.  („Eltern wollten ein glückliches Kind, ein perfektes Kind. In einer scheinbar perfekten Familie musste ein Kind funktionieren.“ (S.44)). Keine erzählerischen Brüche verunziehren dabei den roten Faden der Entwicklung eines Kindes dessen Überleben einzig und allein von seiner Fähigkeit abhängt sein Innerstes vor dem endgültigen Zerbersten unter den Schlägen seines Vater und der Gleichgültigkeit seiner psychisch erkrankten Mutter zu bewahren. („Wenn er es schaffte seine Seele zu schützen, dann hatte er gewonnen.“ (S.64)). Die Triggerwarnung am Anfang des Textes sollte überdies nicht leichtfertig übergangen werden! Für zart besaitete Gemüter ist der Text nicht wirklich geeignet, obwohl sich die Autorin an keiner Stelle reißerischer Schilderungen als Selbstzweck bedient. Es ist, und dies  werden Betroffene wiedererkennen, einzig das Aufzeigen eines seelischen und physischen Spießrutenlaufes in einer Zeit, die in der Entwicklung eines jungen Menschen durch Liebe, Rückhalt und Vertrauen geprägt sein sollte. Vieles aus dem ersten Buch „Dem Horizont so nah“ wird in diesem Band noch um eine Nuance verständlicher und Danny um die ein oder andere Facette reicher. Eine gebrochene Lebensvision in einem schönen Gefäß, dessen Lebenswillen Vorbild sein kann, ohne vom schlichten Menschsein abgehoben zu wirken.

Buchdaten:

  • Titel: „Dem Abgrund so nah“
  • Autorin: Jessica Koch
  • Verlag: FeuerWerke Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN eBook: 978-3-945362-20-4
  • Dateigröße: 1MB (PDF)

 

(1) Alle Angaben, sowohl Seiten-/Positionsnummern, wie auch technische Details, beziehen sich auf die PDF-Ausgabe des Rezensionsexemplares

Parabio-Emotionaler-Wandelstoff

Juni 5th, 2016

"Kampf der Paramags" - Perry Rhodan Silberband 66

„Mit Hilfe der Technik konnte man viele angeborene Unzulänglichkeiten ausmerzen. Aber der Geist allein war es, der über die Möglichkeiten der Technik und der Wissenschaft hinausschoß.“ (S.275)

Zum Inhalt: Auf dem Planeten Asporco verfallen die Planetenbewohner in einen unerklärlichen Arbeitswahn, der soweit geht, dass sie darüber sogar Grundbedürfnisse wie die Nahrungsaufnahme vernachlässigen. Verantwortlich dafür, so die Annahme Rhodans und seiner Wissenschaflter ist der Einfluss des PEW Metalls (PEW = Parabio-Emotionaler-Wandelstoff) in dem riesigen Meteoriten, der einer Pfeilspitze gleich in der Oberfläche des Planeten steckt. Der Anstieg der Auswirkungen auf die Asporcos endet erst als der gesamte Meteorit sich anschickt, gleich einem Raumer ins All, in Richtung Zentrum der Galaxis aufzubrechen. Es wäre nicht Rhodan, würde er nicht Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um den zurückgebliebenen Asporcos in dieser schweren Zeit mit Rat und v.a. Tat zur Seite zu stehen.
Gleichzeitig ist es eine irritierende Vorahnung, die ihn veranlasst, den Meteorraumer zu seinem anfänglich nur zu erahnenden Ziel zu verfolgen. Je näher dabei die Marco-Polo, Rhodans Flaggschiff, mit den 8 Altmutanten an Bord dem Meteoriten kommt, desto mehr reagieren deren Asporco-Wirtskörper darauf. Erkundungen auf und in dem riesigen Himmelskörper ermöglichen einen ersten Kontakt zu dessen ursprünglichen Bewohnern, den Paramags, welche eine Enge „Symbiose“ mit dem PEW-Metall des Meteoriten aufweisen. Dieser Konnex schlägt sich in der Fähigkeit der Paratransdeformation nieder. Dass sich der Meteorraumer als eines mehrerer Erkundungsschiffe auf der Suchen nach PEW Metall entpuppt, und die irrige Annahme der Paramags, dass es im Solsystem den Planteten Zeut mit einem riesigen PEW-Vorkommen noch gäbe, lässt Rhodans Vorahnung langsam Gestalt annehmen. Es gilt den Plan der Paramags, das Solsystem zu übernehmen um die vermeintliche PEW-Quelle zu sichern, bereits im Anfangsstadium zu vereiteln.
Eine Kommunikation mit den Paramags erscheint schon allein aufgrund ihrer vollkommenen Andersartigkeit in Denken, Wertigkeit und Zielsetzung aussichtslos. Der dem PEW-Metal des Meteors entsprungene Paradox-I-Komplex ist dabei auch in keinster Weise hilfreich, stellt er sich doch immer öfter gegen die Terraner und ihre Verbündeten. Die Uhr tickt, denn gelangen die Paramgs erst an die Koordinaten des Solsystem aus der Positronik des Meteorraumers, scheint die unvorbereitete Menschheit in ihrem Heimatsystem schutzlos einem Übermächtigen Feind ausgeliefert zu sein.

Fazit:. Der spannende Handlungsverlauf rund um die 8 Altmutanten, die Asporcos, das mysteriöse PEW-Metall und nicht zuletzt die politischen Unbilden im Solsystem spitzt sich in diesem vorletzten Band des Altmutantenzyklus zu. Sollte es immer noch Leser geben, die der PR-Reihe vorwerfen, es handle sich nur um eine in den Weltraum verlegte „kosmische Landser-Serie“ ohne Ansprüche an Moral oder Hintergründiges abseits der SF-Abenteuer, dem sei die Geschichte um die Hilfe für die Asporcos an’s Herz gelegt. Einmal mehr erweist sich in diesem Band, dass moralische Implikationen einen sehr hohen Einfluss und Stellenwert in den PR-Geschichten haben, wie auch immer man zu diesen Werten im einzelnen stehen möge. Der Fan der klassischen SF kommt auch in diesen Band wieder auf seine Kosten, begleitet er doch viele der bekannten und liebgewonnenen Charaktere auf ihren keinesfalls stets vorhersehbaren Missionen. Als kleines Goodie habe ich die Notizen, die ich mir während des Lesens gemacht hatte als grafische Inhaltsangabe wieder im folgenden Link hinterlegt Grafische Inhaltsangabe Bd. 66 .

Zum Buch: Typografisch eher schlicht gehalten, drucktechnisch gut realisiert und handwerklich sauber verarbeitet macht der 66. Silberband einen rundum schönen Eindruck. Die detailierten Risszeichnungen an den Innenseiten der festen Kartondeckel sind vom Satzspiegel her etwas sehr nahe dem Außenrand, aber ansonsten wie üblich eine Augenweide. Auf jeden Fall ein Buch, das seinen Platz in der Sammlung der Silberbände verdient.

Buchdaten:

  • Titel: „Kampf der Paramags“
  • Umfang: 416 Seiten
  • Verlag: Verlagsunion Erich Pabel – Arthur Moewig KG
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3-8118-2086-9
  • Größe: 19,7 x 13,2 x 4,3 cm

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Menschsein in kosmischem Kontext

Juni 1st, 2016

"Zielstern Beteigeuze" - Karl-Heinz Tuschel„Was sie suchten, hatten sie nicht gefunden, was sie fanden, hatten sie nicht gesucht.“ (S.5)

Zum Inhalt: Auffälligkeiten im astrophysikalischen Verhalten des Sternes Beteigeuze rücken diesen in den Fokus der Forschung in einer Zukunft, in der es den Menschen gelungen ist, bemannte Raumfahrt auch über dermaßen große Distanzen möglich zu machen. Ein Crew bestehend aus Hirosh – Arzt und Koch -, Atacama – der ursprünglichen Leiterin der Expedition und Astrophysikerin -, Kiliman – einem Gesellschaftswissenschaftler -, Woleg – einem Raumfahrttechniker -, Delawara – einer Astronomin und Pilotin -, dem Ehepaar Rila und Gibralt – Meßtechniker und Piloten -, den Zwillingen Vienna und Kerala – den Basistechnikerinnen – und Elber – dem Planetologe- wird in Richtung des Sternes auf Kurs gebracht. In einem weitestgehend autark agierenden Raumfahrzeug gelangen sie wohlbehalten in ihr Zielgebiet, um dort festzustellen, dass die vorgefundenen Konstellationen weit mehr Rätsel bereithalten, als ursprünglich angenommen. Der vorgezeichnete wissenschaftliche Plan der Expedition und deren inhaltliche Zielsetzung müssen mehr und mehr hinterfragt werden, zumal niemand mit der Entdeckung eindeutiger Spuren einer Zivilisation gerechnet hatte, und schon gar nicht auf einen ersten Kontakt zu hoffen wagte. Die teils verwirrenden Antworten auf die unzähligen Fragen muss die Gruppe der Raumfahrer dabei dem  System rund um den Zentralstern Beteigeuze in mühevoller und spannender Weise abringen. Dass diese Antworten sich nicht stets in rein naturwissenschaftlichen Zusammenhängen, mathematischen Modellen und mit noch so ausgefeilten technischen Apparaturen finden lassen, wirft die Mitglieder der kleinen Gruppe – jeden auf seine ganz individuelle Art und Weise – auf den Kern des Menschseins und dessen kosmische Bestimmung zurück.

Fazit: Im Untertitel dem Genre des wissenschaftlich-phantastischen Romans zugeordnet weist der Text eine beinahe archetypische Klarheit in puncto Thematik, stilistischer und thematischer Aufbereitung, sowie sprachlicher Gestaltung auf. Dabei geht es weniger um den Aufbau einer reißerischen Spannung mit epischen Raumschlachten, apokalyptisch hereinbrechenden Unbilden oder charakterlich flach gezeichneten Aliens. Der raumfahrende, forschende Mensch steht mit seiner Sinnsuche im Zentrum des Geschehens. Längst sind Lichtjahre-weite Reisen kein Thema, auch Gravitationsmanipulation im eingeschränkten Maße möglich und dennoch bewegt stets die Frage nach dem Zweck des Daseins der Menschheit als Gesamtes und der Aufgabe des Individuums in diesem Kollektiv, sowie im kosmischen Kontext, den Forschergeist. Nicht nur einmal schneidet Tuschel in höchstem Maße gesellschaftsphilosophische Fragen an. („Die Philosophen haben gelehrt: In der Gesellschaft wird sich die Natur ihrer selbst bewußt.“ S.295) ), es ist auch das Kollektiv en miniture der Mannschaft, die in ihrer fast abgeklärt wirkenden wissenschaftlichen Distanz ihre zwischenmenschlichen Probleme exemplarisch zu lösen imstande ist. Man ist versucht darin eine Art Entwurf einer Idealgesellschaft zu sehen, deren fiktionale Bühne Tuschel zur Ausgestalltung sozialer Szenarien verwendet. Vielfach spielen dabei Technik und Wissenschaft eine tragende Rolle, immer jedoch auf dem Hintergrund eines zutiefst positiven Menschenbildes welches genau dieses Mensch-Sein als Kern der Stärken einer räumlich und zeitlich expandierenden Menschheit versteht. („»Ach, Junge«, sagte Hirosh seufzend, »unsere Mittel reichen weder aus, die Vermutung zu beweisen, noch, sie zu widerlegen. Sie ist bloß gegenwärtig grade mal nicht in Mode. Lebe noch ein bißchen länger, und du merkst, in der Wissenschaft gibt es auch Moden. Hat es schon immer gegeben.«“ (S.125)). Faszinierend ist auch auf diesem Hintergrund die Herausarbeitung gruppendynamischer Aspekte die nie konstruiert wirken, sondern sich organisch aus dem stimmigen Agieren der Protagonisten ergeben, dabei aber stets auch für den Leser nachvollziehbar bleiben. (Beispielhaft sei hier die Ablöse in der Leitungsfunktion der Expedition erwähnt.)

Zum Buch: Der farbig gestaltete Deckeneinband umschließt einen 304seitigen sehr stabil verarbeiten Buchblock, dessen Seitenbedruckstoff recht dünn ist und zum Vergilben neigt. Für die Typografie zeichnet Doris Ahrends verantwortlich, wobei der aus der Garamond® gesetzte Fließtext mit 11p eine angenehme Größe für entspanntes Lesen bietet. Neben dem Einbandmotiv hat Günter Lück auch die über den Text verteilten SW-Zeichnungen beigetragen, welche der Atmosphäre des Textes zusätzliche Intensität einhauchen. Neben dem bereits erwähnten etwas grobfaserigen Papier ist druck- resp. satztechnisch anzumerken, dass v.a. ab dem letzten Drittel der Seiten der Satzspiegel etwas gekippt – in Bezug auf den Frontschnitt des Buchblockes – auf der Seite zu liegen kommt (siehe hier als Beispiel). Einige kleinere Fehler im Druck tun dem v.a. auch künstlerisch ansprechenden Gesamteindruck des Bandes jedoch keinen Abbruch (z.B. hier).

Buchdaten:

  • Titel: „Zielstern Beteigeuze“
  • Autor: Karl-Heinz Tuschel
  • Umfang: 304 Seiten
  • Verlag: Neues Leben Berlin (2. Aufl. 1983)
  • Sprache: Deutsch
  • Lizenz-Nr.: 303 (305/327/83)
  • Größe: 21,7 x 14,8 x 1,9 cm

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