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Mai 29th, 2016

"Das Profihandbuch zur Nikon D90" - Jörg Walter„Viele bewährte Komponenten finden sich in der Nikon D90, die schon in anderen Modellen ihre Qualität bewiesen haben.“ (S.7)

Zum Inhalt: Jörg Walther unternimmt mit seinem Buch zur Nikon D90 eine Reise rund um die technischen und kreativen Möglichkeiten dieser bewährten und ausgereiften DSLR-Plattform. Keine der noch so in den Untermenüs der Kameraführung versteckten Einstellung bleibt dabei unbeachtet. Walther legt viel Wert auf den technischen Hintergrund der Funktionen dieser Kamera, d.h. auf das WIE. So wird nicht nur das EXPEED-Modul der D90, die interne Technik der Belichtungsmessung, Verschluss- und motorische Mechanismen beleuchtet, sondern auch Themen wie Akku-Management, GPS-Tracking, IPTC-Handling, Sensorreingung und ein Ausflug in Nikons teils verwirrenden Nomenklaturdschungel kommen nicht zu kurz. Stets wird versucht eben diese technischen Details in einen größeren, für die Fotopraxis tauglichen Kontext zu setzen, den die Sport-, Architektur-, Makro- oder Portraitfotografie, um nur einige beispielhaft zu nennen, dem ambitionierten  Fotografen bietet. Diese Techniklastigkeit des Textes mag den ein oder anderen Leser etwas abschrecken, erweist sich jedoch in der Auswahl der Motive, der kreativen Ansätze und nicht zuletzt des Zubehörs, allen voran der Objektive, als ungemein hilfreich. Neben den Interna der D90 liefert das Buch auch eine Vielzahl an hilfreichen Tipps zur Objektivauswahl, einen kurzen aber intensiven Exkurs in den Bereich des Umgangs mit Blitzlicht, sowie viele praktische Anleitungen zur Pflege von Kamera und Zubehör. Abgerundet wird der Text durch einen Blick auf die Nikon Software mit dem Aufzeigen der Stärken und der Grenzen derselben.

Themen / Kapitel:

  1. Konzept und Technik der Nikon D90
  2. Dynamik und Belichtung
  3. Schärfe und Fokus
  4. Die Blitztechnologie der D90
  5. Die Einstellungen und Menüs der D90
  6. Spezielle Fotothemen
  7. Live View und Videofunktion
  8. Die eingebaute Bildverarbeitung
  9. Die besten Objektive für die D90
  10. Handling und Pflege der D90
  11. Nikon Software

Fazit: Es ist schon fast ein wenig sehr viel, was in diesem hervorragend recherchierten Buch an nicht nur technischen Informationen vermittelt wird. Walther schreibt in der Einleitung: „Dieses Buch setzt auf das Nikon-Kamerahandbuch auf, das sich auf den Funktionsumfang der Kamera anhand der Bedienelemente konzentriert. Dieses Buch soll Ihnen den Einsatz der Funktionen anhand fotografischer Aufgabenstellungen und konkreter Problemstellungen erläutern.“ (S.7) Diesem Anspruch wird der Text mehr als nur gerecht und dem Leser wird durch die didaktisch gut aufbereiteten Kapitel ein profundes Verständnis der Kamera und ihrer schier endlosen Möglichkeiten zur Verfügung gestellt. Man kann das Buch mit Fug und Recht auch als eine Art Nachschlagewerk für die D-90 bezeichnen. Jedem der aus seiner D90 auch das letzte Quäntchen herausholen möchte, oder den einfach die Technik einer modernen DSLR – und im speziellen die der D90 – interessiert, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.

Zum Buch: Der Band aus der Data Becker Digital ProLine glänzt im wahrsten Sinne des Wortes durch wunderschöne Bilder, ein exzellentes Druckbild und vorbildlich gestaltetem Seitenlayout. Der Buchblock ist in seiner Stabilität geeignet als Arbeits- und Nachschlagewerk verwendet zu werden, was durch den festen kartonierten Einband noch zusätzlich unterstützt wird. Dem ersten Eindruck wird das Buch in jeder Hinsicht gerecht, wobei das hochwertige, sehr glatte Papier der Seiten dazu beiträgt auch die feinen Nuancen der Fotografien drucktechnisch darstellbar zu machen.

Buchdaten:

  • Titel: „Das Profi-Handbuch zur Nikon D90“
  • Autor: Jörg Walther
  • Umfang: 324 Seiten
  • Verlag: Data Becker
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-8158-2687-4
  • Größe: 24,2 x 19,4 x 2,3 cm

Von der bewegten Gabe Natur beseelt widerzugeben

Mai 23rd, 2016

"Das Insektenbuch" - Maria Sibylla Merian„…nach dem Leben und in natürlicher Größe gemalt und beschrieben von Maria Sibylla Merian“ (S.7)

Zum Inhalt: Eine der Zielsetzungen des vorliegenden Bandes ist die Präsentation, jenes Teils des Lebenswerks der Merian herauszustreichen, dessen künstlerisch und naturwissenschaftlich prägenden Aspekt nicht nur in kunstschaffenden Kreisen, sondern auch unter Entomologen Wellen schlug. Über 130 Seiten stellen farbigen Bildtafeln und deren Beschreibungen aus der „Metamorphosis insectorum Surinamensis“ dar, wobei – ebenso wie im Begleittext von Helmut Deckert – akribisch auf detailierte Quellenachweise und historisch korrekte Wiedergabe Wert gelegt wird.
Eben dieser Text Deckerts, einem Kenner in Sachen Merian, vermittelt geschichtliche Hintergrundinformationen, die Maria Sibylla Merians Lebensweg und Werkleistung nicht abgehoben unnahbar darstellen, sondern vielmehr das Bild einer Künstlerin entwerfen, deren Kunst einer bewegten Lebenslinie entspringt, wo glaubensinhaltliche Prägung und handwerklicher Fleiß gepaart mit einem hohen Grad an Resilienz im handwerklichen Schaffen ihren Niederschlag finden. Deckert formuliert dies u.a. wie folgt: „Alles, was sie erreichte, verdankte sie ihrem eigenen unermüdlichen Fleiß, ihrer Energie, ihrem Unternehmungsgeist und der Konsequenz ihrer künstlerischen und wissenschaftlichen Arbeit.“ (S.135)
Das Nachwort gliedert sich unter dem Titel „Zwischen Kunst und Wissenschaft“ dabei in die Teile „Leben und Werk Maria Sibylla Merians“, „Das surinamische Insektenwerk“, „Nachdrucke unseres Jahrhunderts“, sowie „Anmerkungen“ und deckt – soweit in der Kürze des Textes möglich –  ein breites Spektrum der biografischen und literatur- resp. kunsthistorischen Wissenslage rund um die surinamische Reise der Merian ab, ohne sich dabei in simpler Aufzählung chronologischer Fakten zu ergehen.

Fazit: Mit dem Insektenbuch der Merian in der aktuellen Auflage hält der Leser erneut ein bibliophiles Kleinod aus dem Verlagswerk des Insel Verlages in Händen, welches u.a. an das „Neue Blumenbuch“ anschließt. Die Farbtafeln sind eine Augenweide und der erläuternde Text von Helmut Deckert ein ungemein komprimierter Quell an Wissen aus und zum Leben und der Zeit einer bewundernswerten Künstlerin und Gelehrten. Auf jeden Fall ein Buch, das eine Empfehlung mehr als nur verdient.

Zum Buch: Gebunden in Fadenheftung von der Buchbinderei Spinner präsentiert sich der Buchblock solide verarbeitet zwischen den stabilen Buchdeckeln, deren Bezugspapier mit Motiven aus der Feder der Künstlerin einen ästhetisch ansprechenden Rahmen schaffen. Die typografische Ausformung hält sich unter Verwendung der Adobe Garamond bewusst zurück und lässt der künstlerischen Wirkung der 60 Farbtafeln genügend Wirkungsfreiraum. Dem hohen Standard des Insel Verlages folgend ist auch der Druck sauber auf dem sehr glatten Seitenbedruckstoff ausgeführt.

Buchdaten:

  • Titel: „Das Insektenbuch“
  • Autor: Maria Sibylla Merian
  • Umfang: 168 Seiten
  • Verlag: Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig (2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-458-20012-3
  • Größe: 21,8 x 13,8 x 1,5 cm

Von Wolpertingern, sprechenden Schwertern und dem silbernen Faden

Mai 9th, 2016

"Rumo & Die Wunder im Dunkeln" - Walter Moers„Was immer das Licht der Fackeln aus dem Dunkeln schälte, es war ein Anblick voller Wunder.“ (S.671)

Zum Inhalt: Wie beim Wolpertingernachwuchs nicht unüblich, sieht sich Rumo als Junges in der Fremde aufwachsen, weitab von seinen Artgenossen. Und um dem Ganzen noch die metaphorische Krone aufzusetzen wird er als lebender Proviant von marodierenden Zyklopen verschleppt. So eigen es klingt, trifft sich dies jedoch nicht schlecht, zumal er in seiner Gefangenschaft die anfangs reservierte Haifischmade Volzotan Smeik kennenlernt. Smeik ist es, der den jungen Wolpertinger quasi als Mentor unter seine Fittiche – oder eher Beinchen – nimmt. Einen nicht unerheblichen Teil der schaurigen Abenteuer lang begleitet Smeik Rumo. Die teils kuriosen, teils gefährlichen Unternehmungen des anfangs grünschnäbligen Wolpertingers reihen sich im wahrsten Sinne des Wortes an einem „silbernen Faden“ auf, der sich durch die Geschichte zieht. Er stellt sich als jenes Band heraus, welches Rumo mit seiner großen Liebe Rala verbindet.
Doch so einfach wie gedacht ist für den einzelgängerischen Rumo das gesellschaftliche Leben innerhalb der Stadtmauern von Wolperting nicht. Jene Stadt in welche ihn eben dieser Faden zu seinesgleichen führt. Nicht nur kulturelle Bildung, wie Lesen, Schreiben, Geschichte und das ihm verhasste Schachspiel gilt es hier zu meistern. Auch die ihm gelegeneren Fertigkeiten des Kämpfens, sowie der Taktik erlernt er in Gesellschaft anderer Wolpertinger. Das Leben in Wolperting könnte so schön sein, doch schneller als ihm lieb ist, sieht er sich einer tödlichen Herausforderung gegenüber, deren Ursprung in den unerforschten Tiefen Zamoniens, in der sagenumwobenen Untenwelt, ihren wenig einladenden Ursprung hat.
Diese Untenwelt ist es, in der die schlimmsten, alptraumhaftesten Kreaturen leben, deren einziges Ziel es scheint, Rumo das Vordringen nach Hel, der Hauptstadt von Untenwelt, zu verwehren. Auf seinem Weg nach Hel lässt Rumo in schlafwandlerischer Sicherheit, jedoch ohne Absicht, keine der infernalischen Höhlen, perfiden Fallen oder stets hungrigen Kreaturen aus, die Leib und Leben bedrohen. Er findet allerdings auf seiner finsteren Odyssee auch außergewöhnliche Freunde, die ihm nicht nur einmal entscheidend weiterhelfen.
Die finale Herausforderung, seine Wolpertingerfreunde, und nicht zu vergessen seine Rala, zu retten, ist es, die den kampferprobten Rumo antreibt und ihm die unglaubliche Kraft gibt, auch mit den arglistigsten Feinden, sowie den unbarherzigsten Schicksalsschlägen fertig zu werden, denn „das Schicksal ging seinen eigenen Weg, und der war nicht immer der geradeste.“ (S.679)

Fazit: Man möchte sagen Moers verdingt sich in Rumo als Fremdführer der speziellen Art: mit viel teils sehr doppelbödig dunklem Humor begleitet er mit Rumo den Leser auf seiner Irrfahrt durch jenen Teil Zamoniens, der den meisten glücklicheren Oberweltlern zeitlebens verborgen bleibt. Mit viel Liebe zum Detail schält er Charaktere aus dem Dunkel, ob nun Storr den Schnitter, Rumos nicht ganz so ehrliches sprechendes Schwert, die beredte Nurnenwaldeiche, die unvorhandenen Winzlinge und oder viele andere mehr. Seitenerzählungen rund um alle die Protagonisten bringen dem Zamonienreisenden in unterhaltsamen Erzählstunden das sagenhafte Land und die fabelhaften Bewohner näher. Doch muss man sich im dunklen Zamonien in Acht nehmen, denn wie bereits der Eydeet Dr. Oztafan Kolibril sagte: „»Wissen kann gefährlich sein, Wissen ist Nacht.«“ (S. 134)

Zum Buch: Ein Taschenbuch mit einem Korpus von etwas mehr als 700 Seiten hält der Leser mit „Rumo“ in Händen und die Aufgabe einer stabilen Verleimung des Buchblockes, sowie einer ausreichend festen Umschlagsausführung wurde bestens gemeistert. Die künstlerische Gestaltung ist, wie bei vielen Bücher von Walter Moers, einfach eine Liga für sich: gesetzt aus der Mendoza® liest sich der Fließtext nicht nur flüssig, es sind auch die in Form- oder Figurensatz (siehe S. 144) und in unterschiedlichen Schriftschnitten gestalteten Passagen eine typografische Augenweide, neben dem skurril lustigen Schreibstil á la Moers. Die unzähligen detailreichen Zeichnungen des Autors geben auch diesem speziellen Buch jenen bibliophilen Nachhall, der immer wieder Lust macht es erneut zu lesen oder für den Genuss einer Textpassage wieder aus dem Regal zu nehmen.

Buchdaten:

  • Titel: „Rumo & Die Wunder im Dunkeln“
  • Autor: Walter Moers
  • Umfang: 0696 Seiten
  • Verlag: Piper; Auflage: 17 (2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-492-24177-9
  • Größe: 19 x 12,5 x 3,9 cm

Gesellschaftsspiegel

Mai 3rd, 2016

"Und vergib uns..." - Sigrid Kleinsorge„Vielleicht stimmte es, irgendwo habe ich das gelesen, dass wir selten an das denken, was wir haben, aber immer an das, was uns fehlt.“ (Pos. 2196)1)

Zum Inhalt: Unspektakuläre Alltagsgeschichten, scheinbare Jedermannsschicksale und die beinahe gewohnten Unwägbarkeiten der in der „zivilisierten“ Welt Eingebetteten sind es, die den Einstieg in die Lebens-Geschichten des Textes bilden. In diese gleichmäßig dahinplätschernden Lebensströme, geprägt von der als selbstverständlich hingenommenen, ja schier eingeforderten, Wohlstandsgesellschaft dringt Fremdes ein. Fremdes, das sich in Sprache und Ausdruck, in Glaube und Weltanschauung, und nicht zuletzt schon im simplen Aussehen, einer angelernt reflexartig einfachen Zu- und Einordnung zu entziehen scheint.
Eben dieses Fremde, ob in Form der medial allgegenwärtigen Flüchtlingskrise, eines menschlichen Fehlers der „zum unzeitigen Verlust eines sinnvollen Lebens“ (Pos. 1157) führt, in der Aufgabe gewohnter Normen und liebgewonnener Rituale und dem vermeintlichen oder wirklichen Verlust von Kontrolle – über Menschen, wie über Entwicklungen – löst die basalste der menschlichen Reaktionen aus: Furcht.
Es sind die unbeeinflussbaren Veränderungen denen sich die Protagonisten stellen müssen: Ein junger Syrer, der versucht sein Leben in Deutschland durch Arbeit und gelebte Integration in den Griff zu bekommen, stets den Dämon des Krieges und der Verfolgung im Nacken. Eine Ärztin deren Selbstvorwürfe ihr Berufs- und Privatleben nachhaltig aus der gewohnten Bahn werfen. Zwillingsschwestern von denen sich die eine von Heute auf morgen als Pflegefall und die andere als Pflegerin wiederfindet. Ein intelligenter, junger Mann, der einer Gesellschaft den Rücken kehren will, in der „… die Menschen mehr und mehr mit dem Konsum und dem Vergnügen der Selbstdarstellung, dem das Selbst hinterherhinkte, beschäftigt waren, …“ (Pos. 1310) und der in dem faszinierend Fremden eine ihm entsprechende Richtung und sinnerfüllende Ordnung zu sehen glaubt. Eine Großmutter deren fein säuberlich zusammengezimmerte Welt in der Auseinandersetzung mit den ihr plötzlich befremdlichen Verhaltensweisen ihrer pubertierenden Enkelin aus den Fugen gerät. All diese Menschen von nebenan sehen sich mit einem schicksalhaften Wandel konfrontiert, dessen Geschwindigkeit sie nicht beeinflussen können, dessen gezeitengleiche Unaufhaltsamkeit die einzige Fixgröße in einem aus den Fugen geratenen Leben zu sein scheint.

Fazit: Es geht Sigrid Kleinsorge auch in diesem bewegenden Text, wie bereits in ihren vorangegangenen Büchern2), schlicht um Menschen. Was unspektakulär klingt, fesselt in seiner eindringlichen Aktualität und der sprachlichen Eleganz. Jeder der dargestellten Charaktere birgt für den aufmerksamen Leser einen ungemein hohen Wiedererkennungsfaktor, ist in sich stimmig geschildert – was keineswegs die Zerrissenheit mancher Seele abschwächt – und ist verknüpft durch einen teils lockeren Handlungsfaden, der das filigrane Geflecht einer scheinbar sicheren Gesellschaft widerspiegelt. Wie schon in „Die Abuela“ wird auch hier u.a. wieder ein zentrales Thema der Autorin thematisiert: der Umgang mit Veränderungen im Allgemeinen und im Alter im speziellen. Und wieder fällt auch in diesem Text die Absenz jedweden moralischen Zeigefingers auf, eine jener Eigenschaften, die Sigrid Kleinsorges Texte in meinen Augen ausgesprochen wertvoll, wenngleich frei jeder Wertung machen.

Buchdaten:

  • Titel: „Und vergib uns…“
  • Autor: Sigrid Kleinsorge
  • Ausgabe: Kindle Edition (223 Seiten Print)
  • Verlag: Amazon Media EU S.à r.l. (2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B01DO8Z8K6
  • Dateigröße: 630 KB

(1) Alle Angaben, sowohl Seiten-/Positionsnummern, wie auch technische Details, beziehen sich auf die Kindle-Ausgabe des Rezensionsexemplares
(2) Weitere Bücher von Sigrid Kleinsorge: „Die Abuela“, „Das achte Zimmer“, „Das Trio“

Totgeglaubte leben länger…

Mai 2nd, 2016

"Das Sterbe-Schlamassel" - Anette Kannenberg„… Zombies gingen ja immer“ (Pos. 3582)

Zum Inhalt: Murray und Wichgreve, den Lesern aus dem ersten Band bereits als verschroben skurrile Weltenretter bekannt, sind tot. Aber doch nicht so ganz, was beide, nachdem sie sich im Jenseits erst einmal mehr schlecht als recht eingestorben haben, erfahren müssen. Im Diesseits zurückgelassen bleibt u.a. Séamus, Dr. Murray O´Connors Klon-Sohn,  dessen Begeisterung für das Medizinstudium den absoluten Nullpunkt erreicht hat. Abstand sowohl von seiner bei ihm lebenden Mutter, seiner esoterisch bewanderten Nachbarin Liz, sowie dem Schatten seines genialen Vaters will er im verlassenen großelterlichen Domizil als angehender Schriftsteller finden.
„Er würde Horrorbücher schreiben, etwas über Zombies, Zombies gingen ja immer.“ (Pos. 3582), so zumindest seine romantische Vorstellung, die er in diesem Beinahespukschloss in die Tat umzusetzen gedenkt. Um wie vieles realer diese Vorstellung in sein Diesseitsleben Einzug hält- oder vielmehr in dieses einbricht -, was seine gespenstische, blumenbeetfixierte Nachbarin, ein ahnungsloser Angestellter der Stadtwerke namens Hunter und die gar nicht so aus der Luft gegriffenen Geschichten seiner Großmutter damit zu tun haben, erfährt Séamus im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib.
Während all dieser Begebenheiten oder vielmehr als transzendentaler Urspungspunkt derselben ist es dem Physiker Wichgreve ein schier an Besessenheit grenzendes Anliegen auf wissenschaftlich korrekte Weise zu bestätigen, dass eine interirdische Kommunikation zwischen den Seienswelten möglich ist – und dies abseits der im Jenseits streng geregelten „postlethalen Konversation“ (Pos. 2179). Dabei geht es für ihn, Murray und Hunter nicht nur im übertragenen Sinne um Kopf und Kragen und für den Rest der Welt um nicht weniger als die Apokalypse… mit einem diabolisch schwarzhumoristischen Augenzwinkern versteht sich 🙂 .

Fazit: Dass Fr. Kannenberg ihr Metier beherrscht, sieht man im doppelten Sinne: Zum einen ist es das inhaltliche Erlesen der Geschichte, zum anderen die lockere, durchdachte Gestaltung des Textes in typografischer und künstlerischer Hinsicht. So finden sich passend und stilvoll eingeflochten Textpassagen in Leipziger Fraktur, sowie schon auf dem Cover der Font Broken, der bereits in der Titelgestaltung einen Hauch der gedanklichen Versch(r)obenheit der Story erahnen lässt.
Die an Comics erinnernden Skizzen, anhand derer sich der Leser einen vagen Eindruck der verquerten Gedankengänge des Physikers Wichgreve machen kann, zaubern nicht nur ein Schmunzeln um die Mundwinkel, sondern halten einer halbwegs logischen inhaltlichen Überprüfung anhand des Textes einwandfrei stand. So ganz nebenbei helfen sie auch dem „naturwissenschaftlichen“ Verständnis – sofern man diesen Begriff hier verwenden möchte 🙂 – ungemein weiter.
War das „Mondmalheur“ noch eine weitestgehend dem halbklassischen SF-Genre zuzuordnende kurios bis grotesk anmutende Bühne auf der kauzige Charaktere ausgefuchste Gentechnologie, Raketentechnik und grenzgeniale Gravitationsmechanik praktizierten und deren Diesseitsbezogenheit dem Leser eine gewisse – wenn auch trügerische – Sattelfestigkeit im Hier und „Jetzt“ suggerierten, so muss man sich im zweiten Band der Trilogie auf wunderliche Séancen, surreale Szenerien, ausgesprochen Grenzwissenschaftliches und eine Humoreske á la Kannenberg einlassen. Und, so verstörend dies auch wirken mag, dabei dienen die nicht nur sozial derangierten Charaktere Murray und Wichgreve dem Lesenden als mentale Leitschiene, um sich nicht zwischen Diesseits, Jenseits und Solchseits zu verlieren.
Jedem der Lust verspürt, sich die schrill-schräge Geschichte zu geben, sei auf jeden Fall empfohlen den ersten Band vorab zu lesen, da sich erst aus diesem heraus ein Großteil des „Schlamassel“ erschließt. Die investierte Lesezeit lohnt sich allemal und zwar für beide Bücher.

Buchdaten:

  • Titel: „Der Sterbeschlamassel“
  • Autorin: Anette Kannenberg
  • Ausgabe: Kindle Edition (310 Seiten Print)
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B01DM5JD84
  • Dateigröße: 1770KB

(1) Alle Angaben, sowohl Seiten-/Positionsnummern, wie auch technische Details, beziehen sich auf die Kindle-Ausgabe des Rezensionsexemplares

Lebensallegorien

April 25th, 2016

"Der Mann, der nicht sterben wollte" - Naceur-Charles Aceval„Die Geschichten sind Lebewesen“ (S.6)

Zum Inhalt: Umrahmt von der Suche eines Mannes, dessen tiefste Furcht jene vor dem Tod ist, führt Charles Aceval den Leser durch eine dem Europäer oft fremdartige, jedoch faszinierende Kultur, deren Schatz und Vermächtnis u.a. in den Parabeln, Erzählungen und Märchen besteht, die seit jeher einen Blick auf die essenziellen Fragen gestatten. Fragen auf die es bei weitem nicht immer (nur) eine Antwort, und wenn, dann auch nicht immer eine angenehme gibt. In den Märchen, die dieser Mann im Hammam, in der Wüste, in Oasen und Dörfern, in der Gesellschaft von Weisen, Mächtigen, Verstoßenen bis hin zu Menschenfressern vernimmt, entdeckt er immer wieder Lebensausschnitte in deren allegorischen Facetten stets archätypische Themen des Menschen als einzelnes Individuum und als Gesellschaftswesen aufgegriffen werden. Sei es die -für jeden anders gelagerte – Sinnfrage, die uns zu Suchenden macht, sei es der Wert von Freundschaft, die Macht des Wissens, oder das diffizile Verhältnis von Mann und Frau, Herrscher und Untergebenem und Mensch und Natur. „Dies ist die Geschichte seiner Reise, die in Wahrheit eine Suche war. Und ihr, liebe Zuhörer, sollt am Ende entscheiden, ob der Mann der nicht sterben wollte, sein Ziel erreicht hat.“ (S.15)

Fazit: Charles Aceval entstammt einer kulturellen Überschneidungszone in der urbane Kultur und die Tradition der algerischen Nomaden eine fantasiefördernde, bereichernde Mischung gedeihen ließen, die den Grundstein seiner Lebensreise als Erzähler legten. Einer Reise die keineswegs geradlinig verlief und deren Ausrichtung in der „Suche nach dem eigenen Ton“ (S.11) prägend seinen Erzählstil gestaltet. Seine Märchen erzählen vom Leben und das Leben erzählt seine Märchen, nicht beschönigend, aber in einer Manier, welche die Stränge des oft verworrenen Lebensfadens zu entflechten hilft, eine Kunst die einem Wüstenführer gleich von einer Lebensoase zur anderen leitet. So gelangt auch der Leser von einem Märchen zum anderen, den Mann der nicht sterben wollte begleitend an Grenzen, an Ziele aber auch an seelische Abgründe und an Fragen, deren Antworten er als Suchender nur selbst zu beantworten vermag.

Zum Buch: Realisiert in vorbildlicher Fadenheftung, mit stabilem optisch ansprechend gestaltetem Umschlag, sowie einem griffigen Bedruckstoff bietet das Buch ein ausgesprochen angenehmes optisches und haptisches Erscheinungsbild. Vervollständigt wird der überaus positive Eindruck durch einen tadellosen Druck, der sich auch in der Realisierung der Zeichnungen und der fallweise arabischen Typografie durchzieht.

Buchdaten:

  • Titel: „Der Mann der nicht sterben wollte“
  • Erzähler: Charles Aceval
  • Umfang: 116 Seiten
  • Verlag: Papermoon-Verlag (2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-9814324-8-0
  • Größe: 21,17 x 13,7 x 1,6 cm

P.S.: Näheres über Charles Aceval und sein inniges Verhältnis zu Märchen findet man auf seiner Website.

Gedichte, Schnee und Kirschblüten

April 25th, 2016

"Das Kopfkissenbuch der Dame" - Sei Shonagon„…, ich bin überzeugt daß es eine Menge nette und gescheite Leute gibt – man muß sie nur zu finden wissen.“ (S.58)

Zum Inhalt: Der Dame Sei Shōnagon war es durch ihre freundschaftliche Beziehung zur Kaiserin Fujiwara no Sadako, deren Hofdame sie war, vergönnt einen tiefen Einblick ins das vielschichtige Hofzeremoniell Japans der Zeit um 1001 n. Chr. zu erlangen. Gepaart mit ihrer teils spitzen Feder, sowie ihrem bezeichnenden Schreibstil, auch bekannt als »zui-hitsu«, gelingt es ihr einen Text beinahe zeitloser frische, humorvoller Leichtigkeit und schlichter Eleganz zu schaffen. Selbst schreibt sie dazu: „In diesen Heften habe ich während der Mußestunden, die mir der Dienst als Hofdame vergönnte, niedergeschrieben, was mein Auge gesehen und mein Herz gedacht hat.“ (S.102).
Sei Shōnagon nimmt sich in ihren äußerst bildhaften Ausführungen nicht nur in Bezug auf höfisch Großes und Außergewöhnliches im Umfeld der gehobenen Gesellschaft kein Blatt vor den Mund, sie malt ebenso ein Bild der einfachen Alltäglichkeiten, der feudalen und menschlichen Animositäten ihres Umfeldes, sowie eines komplexen Sittenbildes des japanischen Hochadels. Dem Leben abseits des Zeremoniells wird ein ebenso breiter Raum geschaffen, wie den plastischen Beschreibungen eines Landes, dessen Kultur, Tradition und Geografie auf Europäer – und nicht nur auf diese – seit jeher eine fast magische Anziehungskraft ausübte. So verwundert es nicht, dass auch der Film die Thematikfür sich entdeckte, das Buch Sei Shōnagons als Vorbild verwendend („The pillow Book“).

Fazit: Wer etwas über den abendländischen Tellerrand sehen möchte findet in diesem ansprechenden Text einen interessanten literarischen Weg hinter dessen verschlungenen Kurven, mannigfaltigen Gabelungen und wunderschönen Rastplätzen eine die Zeit überdauernde Prosa steckt.

Zum Buch: Buchbinderisch lässt sich an dem Bändchen aus der Insel-Bibliothek nichts aussetzen. Buchblock und Einband sind gut verarbeitet und der Seitenbedruckstoff angenehm fest. Per se ist auch die Typografie, aufgelockert durch Schwarzweiß-Zeichnungen der Streublumen und Zweige passend. Leider trübt der unsaubere Druck das Gesamtbild eines an und für sich bibliophil ausgelegten Buches wie dem vorliegenden doch erheblich (Beispiele siehe hier).

Buchdaten:

  • Titel: „Das Kopfkissenbuch der Dame Sei Shonagon“
  • Hrsg.: Helmut Bode
  • Umfang: 126 Seiten
  • Verlag: Insel-Bücherei (1989, 25. Auflage)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3-458-08998-5
  • Größe: 19,7 x 13,2 x 1,5 cm

Parallelgesellschaften

April 9th, 2016

"Götter" - Will Hofmann„Ich wollte, ich wüsste forthin einmal, was dorten ist.“ (S.152)

Zum Inhalt: Mitten in einer Gesellschaft, welche von sich selbst gerne als Hochkultur spricht, existieren Reservate, in denen über Generationen hinweg Menschen nach Geschlechtern getrennt leben. Wobei sich dieses Leben in der täglichen (Fron-)Arbeit für die Götter und der religösen Verehrung derselben ergeht. Die strikte Ordnung in diesen Mikrogesellschaften wird durch lange Tradition, bevormundende Religion, bewusst gesteuerten Mangel an Bildung und drakonische Strafen bis hin zum Tod durch Erhängen aufrecht erhalten. Nutznießer sind die Götter. Hinter ihnen verbergen sich keine anderen als brave Bürger eben derselben Hochkultur, die der Leser kennt, mit der er sich zum großen Teil identifiziert. Bürger die ihre lieb gewonnenen Pfründe bereits über Jahrzehnte hinweg zu schützen wissen und sich hinter einer Geheimorganisation, genannt „Streber“ – einer Sekte gleich – bedeckt halten.
Agnes und Clemens jedoch sind Ausnahmen. Aus unterschiedlichen Beweggründen heraus bewerkstelligen sie ihre Flucht aus ihrem jeweiligen Reservat und finden sich im Umland, um sich einen langen Weg in die Zivilisation zu erarbeiten. Hierbei werden sie von Clemens, sowie einigen weiteren Helfern unterstützt, damit sie in der neuen Kultur Fuß fassen können. In rasantem Tempo lernen sie mit den Segnungen der Technik und den intellektuellen Errungenschaften wie Lesen, Schreiben, Rechnen etc. umzugehen, oder vielmehr sie sich einzuverleiben.
Der in bester Hollywood-Manier inszenierte Happy-End-Abschluss führt zur Auflösung der Reservate, Befreiung der Insassen und dem Zusammenführen von Verschollen geglaubten zu einer Familie nach traditionellen Vorstellungen – und nicht zu Vergessen der Bestrafung der „Schuldigen“.

Fazit: Die Idee hinter der Geschichte um eine Parallelgesellschaft abseits aller technischen Errungenschaften, des kulturellen Fortschrittes und beinahe überbordender staatlicher Überwachung ist vom Grundprinzip ein spannender Ansatz, dem der Autor in Ansätzen auch gerecht werden kann. Aber eben nur in Ansätzen: das Leben in den Reservaten bedürfte einer weitaus intensiveren v.a. psychologischen Betrachtung, ebenso wie der Erwerb der Fähigkeiten, die in den Robinsonaden von Agnes und Günter anschließend als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Selbst wenn sich der Leser auf die oft recht abstrusen Ideen und Folgerungen des Textes einlässt, bleibt doch immer wieder an verschiedensten Punkten des recht zerfahrenen Handlungsstranges ein schales Gefühl von Absurdität, das auch ellenlange geschichtliche Ausführungen letztendlich nicht zerstreuen können. Es will sich während der gesamten Lektüre keine rechte Kontinuität in der Geschwindigkeit des Erzählens einstellen und der Aufbau eines Spannungsbogens gelingt nur marginal. Ein per se interessantes Thema, welches aber in dieser Ausführung keine Leseempfehlung wert ist.

Zum Buch: Bei der Lieferung des druckfrischen Exemplars waren die Seiten am Beschnitt des Buchblockes noch ein wenig miteinander verklebt, was handwerklich gesehen jedoch das einzige Manko an der buchbinderischen Ausführung des Bandes darstellt. Die künstlerische Gestaltung der Buchdeckel ist sprechend und allegorisch bezogen auf den textuellen Inhalt, der Reliefdruck und die Unschärfen im fotografischen Bildbereich verleihen dem Motiv sowohl haptische als auch optische Tiefe – die sich leider, wie oben ausgeführt, nicht im Text niederschlägt. Die solide Verarbeitung, eine lesefreundliche typografische Textausführung, sowie die gefällige Kleinigkeit eines Lesebandes runden den positiven Eindruck der handwerklichen Buchgestaltung ab.

Buchdaten:

  • Titel: „Götter“
  • Autor: Will Hofmann
  • Umfang: 400 Seiten
  • Verlag: Fabulus Verlag (2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-944788-34-0
  • Größe: 21 x 13,5 x 4,5 cm

Wurzeln schlagend

April 8th, 2016

"Element 8" - Wolfgang Kirchner„»So wie das Licht des Morgens jeden Tag ein neues ist, kannst auch du jeden Tag ein anderer sein und die Dinge in einem neuen Licht betrachten«.“ (S.213)

Zum Inhalt: Kreton Morgenwasser hat ein Ziel. Eines dem er gewillt ist alles – und jeden – unterzuordnen. Angespornt von religiösem Eifer, sowie dem Wissen, oder vielmehr der düsteren Ahnung, um die Bedrohung durch die Schatten. Und wer könnte den drohenden Schatten mutiger und siegessicherer entgegentreten als das Lichtvolk, dem Kreton entstammt. Doch unterschätzt er seinen Gegner nicht! Er muss sein Ziel erreichen bevor die Schatten erstarken, muss jene verschollene Waffe finden, die den dunklen Mächten Einhalt gebieten kann.
Narna Feuervogel wird getrieben von Wünschen, Träumereien und ihrer Zuneigung zu Erian Dämmerschein. Als junge Erdläuferin stellt sie alles und jeden, der auch nur nach Autorität, Überlieferung und Tradition riecht in Frage. Ein Querkopf wie er im Buche steht, der jedwede Integration in ein Stammesleben verneint. Ihrem Ziel, die Welt außerhalb der langweiligen Tiefen des Flüsterwaldes sehen zu wollen, hofft sie mit Erian näher zu kommen.
So machen sich beiden – Kreton und Narna – an unterschiedlichen Enden Arteis – ihrem Heimatkontinent – auf, angetrieben von Motiven die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die unheilvollen Zeichen mehren sich indes. Narna gerät mehr und mehr in einen Sog von Ereignissen, deren Tragweite sie weder begreift, noch abzuschätzen vermag, welche Schlüsselstellung gerade sie in der Gestaltung der Zukunft des Volkes der Nari einnehmen soll. Die Lebenswege Kretons und Narnas verschlingen sich ineinander, als wäre es Bestimmung – und jeder sieht im anderen einen erbitterten Erzfeind.
Mehr und mehr enthüllt sich die wechselvolle Geschichte Arteis, wird ein Puzzlestück dem anderen beigestellt, wobei ein faszinierend mehrschichtiges Bild der Völker des weiten Kontinents entsteht. Das eingespielte Leben aller Völker ist im Umbruch. Die anbrechende Zeit verheißt dabei nichts Gutes zumal das fragile Gleichgewicht der 8 Elemente zu kippen droht. Es sind die Schicksalswender an denen es nun liegt zu bestimmen, welchen Weg Arteis Geschichte einschlagen wird…

Fazit: Wolfgang Kirchner gelingt es auf den 434 Seiten seines Buches eine fesselnde Geschichte in einem Universum anzusiedeln, dessen irisierende Vielfalt zum einen stimmig und zum anderen ebenso verlockend ist. Stimmig aufgrund der überzeugenden Charaktere, der glaubhaften Entwicklung der Geschichte, sowie der filigranen Abhängigkeiten der Völker und Gesellschaften auf dem Kontinent Artei. Verlockend da der Spannungsbogen stets auf fordernde Weise aufrecht erhalten bleibt – selbst über den Schluss des Buches hinaus. Der Autor vermeidet geschickt ausgetretene Fantasytrampelpfade zu strapazieren, ohne seinen Leser vor den Kopf zu stoßen. Es gibt sie, die Anklänge an Zwerge, Faune, Menschen oder allerlei Arten von Tierwesen, jedoch auf eine im positiven Sinne andere, neue Erzählweise beleuchtet. Hilfreich ist dabei das Glossar, welches dem Leser den Zugang zu den Wesen und der Geschichte Arteis erheblich erleichtert, sich dabei aber nie störend auf den Lesefluss auswirkt oder gar aufdrängt. Vielmehr verhält es sich wie ein hilfreicher Reiseführer für den Leser. Geschickt sind Elemente des Entwicklungsromans, gemischt mit klassischer Fantasy und einem Hauch Indiana-Jones-Schatzsuche verwoben. Ein rundum empfehlenswertes Buch für Freunde der Fantasy.

Zum Buch: Das Erste wodurch das Buch besticht, ist die künstlerische Gestaltung des Einbandmotives und der Farbwahl. Beides harmoniert auf ausgezeichnete Weise mit dem Thema und dem Grundtenor des Textes. Ansprechend ist auch das Logo und die überaus hilfreiche Karte des Kontinents Artei, welche sich auf den ersten Seiten findet. Ebenso positiv fällt die Verarbeitung auf: der Buchblock ist sehr gut verleimt und lässt haptisch vom Bedruckstoff, sowie der Stabilität eine angenehmes Lesegefühl aufkommen. Bei dem mir vorliegenden Exemplar gab es allerdings eine Manko in der Drucktechnik, das sich so äußerte, das auf vielen rechten Seiten vertikal der Text leicht verschoben war, wodurch einzelne Lettern in den Worten die Linie nicht hielten. Kein großes Malheur, aber dennoch erwähnenswert, da es manchmal störend wirkt (siehe hier). Ansonsten ist der Text typografisch dezent, durchgängig und leicht leserlich gestaltet.

Buchdaten:

  • Titel: „Element 8 – Das Flüstern der Erde“
  • Autor: Wolfgang Kirchner
  • Umfang: 434 Seiten
  • Verlag: Shadow Press (2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-9504223-1-3
  • Größe: 19 x 12,5 x 3 cm

P.S.: Zum Buchprojekt gibt es eine Website (siehe hier)

Wider die Bevormundung der Poesie durch die Religion

April 3rd, 2016

"Sieben Legenden" - Gottfried Keller„…; denn wenn die himmlischen einmal Zuckerzeug backen, so gerät es zur Süße.“ (S.35)

Zum Inhalt: Angesiedelt in der Spätantike schildert „Eugenia“ die gesellschaftliche wie auch religionsphilosophische Odyssee der gleichnamigen Römerin hin zu einer geläutertern Beziehung zu dem von ihr geliebten Prokonsul Aquilinus unter dem Stern christlicher Wertvorstellungen von Liebe und Treue.
Das Mittelalter bietet den zeitlichen Rahmen der drei folgenden Erzählungen, deren zentraler Dreh- und Angelpunkt stets die – durchaus sehr weltlichen – Eingriffe der Himmelsmutter Maria darstellen. Hierbei ist die Darstellung Marias, v.a. was ihre Beweggründe und Motivation anbelangt, ausgesprochen weit vom klassisch katholischen und auch protestantischen Bild der Heiligen Jungfrau entfernt und in beinahe kabaretistischer Art humoristisch überhöht.
„Der schlimm-heilige Vitalis“ und „Dorotheas Blumenkörbchen“ sind ebenfalls wieder in der Antike verankert. In der ersten Erzählung könnte man den Mönch Vitalis einen Streetworker mit äußerst unorthodoxen Methoden im Rotlichtmilieu nennen. Diese seine Mission endet jedoch als „eine hübsche und liebenswerte irdische Jungfrau ihn hinters Licht führt, um aus dem »wackeren Martyrer einen noch besseren Ehemann zu machen«.“ 1) Beinahe eine Ode an die Entsagung diesseitiger Freuden präsentiert „Dorotheas Blumenkörbchen“, wobei auch hier Keller anklingen lässt, dass bei allem martyrerhaftem Gebaren der unglücklich Liebenden Dorothea und Theophilus der Egoismus die eigentliche Kernmotivation darstellt.
In der finalen Erzählung um die begeisterte Tänzerin Musa lässt Keller keinen Zweifel mehr daran, wie er den scheinbaren Widerspruch von unsinnlichem Christentum und weltlicher Muse aufzulösen dachte. Musa kommt hierbei nur in den Himmel, wenn sie in ihrem diesseitigen Leben dem Tanz entsagt, um sich für den vollkommenen Tanz der Seligen im Jenseits zu bewahren. Als in eben diesem Jenseits jedoch die neun Musen irdische Musik anstimmen, wird den Heiligen ihre Sehnsucht nach der diesseitigen Welt schmerzlich bewusst.

Einteilung:

Vorwort
Eugenia
Die Jungfrau und der Teufel
Die Jungfrau als Ritter
Die Jungfrau und die Nonne
Der schlimm-heilige Vitalis
Dorotheas Blumenkörbchen
Das Tanzlegendchen

Fazit: Den literarischen Kondensationskern resp. Anstoß zu den „Sieben Legenden“ findet Keller in der Lektüre der „Legenden“ des Pfarrers Ludwig Theobul Kosegarten, auf die er auch im Vorwort Bezug nimmt. Die „Sieben Legenden“ Kellers erschienen 1872 und erschlossen dem Autor u.a. einen großen Leserkreis – auch oder v.a. im Kreis des unpolitischen deutschen Bürgertums der Gründerzeit – und ermöglichte es ihm zusehends mehr als freischaffender Autor Fuß zu fassen. Die parodistischen Ansätze und der persiflierende Humor, der nicht nur zwischen den Zeilen erlesen werden kann, machen die Lektüre der Novellen zu einem kurzweiligen Ausflug in eines der Schlüsselwerke von Kellers Erzählkunst.

Zum Buch: Die Heftung dieses Buches erfolgte mittels Metallklammern, welche über die Jahre leider durch den Einfluss der Luftfeuchtigkeit stark gelitten haben (siehe hier). Ebenso war im vorliegenden Exemplar die Leimung des Rückens gebrochen. Ansonsten sind Umschlags- und typografische Gestaltung schön realisiert, wobei die Frakturschrift dem Text zusätzlichen Charme verleiht.

Buchdaten:

  • Titel: „Sieben Legenden“
  • Autor: Gottfried Keller
  • Umfang: 80 Seiten
  • Verlag: Insel-Bücherei (1941)
  • Sprache: Deutsch
  • Größe: 18,5 x 12 x 0,8 cm

1) Kindlers Neues Literaturlexikon (1988/1998), Bd. 9, S.286