Alte Weggefährten – neue Heimat

Juni 27th, 2016

"Die Parabank" - Perry Rhodan Silberband 67„Jeder Extremismus, gleich welcher politischen Farbe, ist verwerflich.“ (S.140)

Zum Inhalt: Nach wie vor scheint sich die Pattsituation mit den Paramags nahe dem Zentrum der Galaxie mehr und mehr zugunsten der Magnetiseure zu entwickeln. So gelingt es ihnen u.a. mit Hilfe der Koordinaten aus der Datenbanken des Meteorraumers die Lage des Solsystem zu identifizieren und mittels des PEW-Bezugstransdeformators Brückenköpfe im Asteroidengürtel sozusagen vor Terras Haustür zu errichten.  Dem PPA (Paraabstraktes pluskonstruktives Anitmateria-Aufbaufeld) als effizientestem Waffensystem der Paramags hat die Solare Flotte außer den beiden Schiffen Pilbo und Neomav, Überbleibsel aus der Accalauris-Krise, nichts entgegenzusetzen. Die Wende bewirken auch nicht Materialschlachten oder technische Überlegenheit, sondern vielmehr vorausschauende Planung, taktische Geduld und ein gut eingespieltes Team dessen sich Rhodan stets sicher sein darf.
Neben aller äußeren Bedrohungen steht auch die politische Zukunft Rhodans und somit die des Solaren Imperiums auf Messers Schneide. Terhera, Rhodans erbittertster Gegner in diesem Ränkespiel, lässt keine Finte aus, um politisches Kleingeld aus den Unbilden mit den Paramags zu schlagen. Dabei scheut er auch vor menschlichen Kollateralschäden nicht zurück. Und doch sind es immer wieder die scheinbar „kleinen“ Akteure in diesem großen galaktischen Theater, die in entscheidenden Augenblicken Wendungen einleiten, welche von moralischen Konflikten ebenso geprägt sind, wie vom Faktor Zufall oder dem was Terraner und ihre Stärke letztendlich ausmacht: dem Mensch-Sein.

Fazit: Es ist der Abschlussband des „Altmutanten-Zyklus“ und somit Zeit ein Ré­su­mé zu ziehen: Der neunte der Silberbandzyklen hinterlässt alles in allem keinen einheitlichen Eindruck. Zum einen scheinen die Autoren Leser aus dem Lager der klassischen Weltraumabenteuer ansprechen zu wollen, andererseits jedoch auch zu versuchen die Persönlichkeitsentwicklung eines selbstkritischen, fast fatalistischen Rhodan herauszuarbeiten. Diverseste kleine Nebenhandlung – beispielhaft hier nur die konstruiert wirkende Handlung rund um Kerlak in diesem Band – lassen den Handlungsfaden oft zerfranst und uneinheitlich wirken. Es ist bei Weitem keine schlechte Geschichte, welche die Autoren mit dem „Altmutanten-Zyklus“ abgeliefert haben, aber es gab auch schon erheblich Besseres, wie z.B. den „Schwarm-Zyklus“ oder den „Cappin-Zyklus“. Nichts desto trotz ist die Lektüre empfehlenswert, will man den Faden in der Geschichte nicht verlieren und Hintergründe in der Weltraumsaga rund um Perry Rhodan ergründen.
Als kleines Goodie habe ich die Notizen, die ich mir während des Lesens gemacht hatte als grafische Inhaltsangabe wieder im folgenden Link hinterlegt: Grafische Inhaltsangabe Bd. 67 .

Zum Buch: Eine Auffälligkeit an diesem Silberband bildet der Satzspiegel, der im Vergleich zum vorigen Band mehr Platz einnimmt und so den oberen und äußeren Seitenrand von 1,2 cm auf 0,9 cm verringert. Daraus resultiert ein optisch gedrängterer Eindruck des Schriftbildes, der aber nicht störend auf den Lesefluss oder die Gesamterscheinung des Textes Einfluss nimmt. Ansonsten ist der Band in der gewohnt soliden Machart gehalten und gibt sich drucktechnisch und buchbinderisch keine Blößen. Somit reiht er sich angenehm in die Sammlung der bestehenden Silberbände ein.

Buchdaten:

  • Titel: „Die Para-Bank“
  • Umfang: 398 Seiten
  • Verlag: VPM Verlagsunion Pabel Moewig KG
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3-8118-2031-1
  • ISBN-13: 978-3-8118-2087-7
  • Größe: 19,7 x 13,2 x 4,0 cm

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Im Abseits

Juni 9th, 2016

"Nicht von dieser Welt" - Arne Ulbricht„Immer häufiger, inzwischen mehrmals täglich, habe ich allerdings das Gefühl, irgendwo eine Stimme zu hören, die mir erklärt, dass ich mich im Jahrhundert geirrt habe und dass Menschen, die denken und sind wie ich, nicht mehr gebraucht werden.“ (S.196)

Zum Inhalt: Heinz Gödel, eigentlich ausgebildeter Pädagoge – lies Lehrer -, steht mit 36 vor der Entscheidung seinen derzeitigen Brotberuf in der Wirtschaft gegen eine Karrenzstelle an einer Schule zu tauschen. Diese Möglichkeit, seiner erlernten Profession nachzugehen, hatte er bereits resigniert ad acta gelegt. Nachdem er das Angebot mit gemischten Gefühlen annimmt, steht er vor der Herausforderung u.a. eine 9a zu unterrichten, in der die Generation Facebook auf ein Relikt einer anderen Zeit trifft: ihn.
Gödel lebt alleine mit seinem Hund, der sein Anker in dieser physischen Welt zu sein scheint, sozial größtenteils isoliert von seiner bürgerlichen Vorzeigeverwandschaft und abseits der aktuellen Technik, wie Fernsehen, Smartphones, Internet oder gar sozialen Netzwerken. („… von ihrem Sohn einem dicken, unsportlichen Menschen, der sich den Errungenschaften des 21. Jahrhunderts komplett und bei vollem Bewußtsein verweigert, denkt niemand etwas Gutes.“ (S.250)).
Er war „nicht Lehrer geworden, um gegen eine Klasse zu kämpfen.“ (S.101), aber das „Leben“ mit der 9a wird gestaltet sich zu einem existenziellen Spießrutenlauf. Von den LehrerInnen-Kollegen kommt bis auf eine Ausnahme (Sker) nicht nur keine Hilfestellung, sondern auch kein Funken Rückhalt, so dass er sich an seinem neuen Arbeitsplatz reichlich deplaziert fühlt („Ich fühle mich, als wäre ich ein Austauschschüler, der am Tisch sitzen muss, aber weder Sprache noch Sitte wirklich versteht.“ (S.146)). Vor diesem Hintergrund, auf einer Bühne voller Versatzstücke persönlichen Scheiterns, gefühltem und realem im Stich-gelassen- oder Verlassen-Werdens und dem der zunehmenden Überzeugung hier bzw. jetzt nicht her zu gehören, bahnt sich in der getretenen Seele Gödels eine zerstörerische Entwicklung ihren Weg, in der die minutiös konstruierte Rückzugswelt in katastrophaler Endgültigkeit auf das reale Hier und Jetzt prallt.

Fazit: In seinem Debütroman „Nicht von dieser Welt“ setzt sich Arne Ulbricht einmal mehr mit der Profession des Lehrers auseinander, wie er dies bereits in anderen Publikationen (z.B. „Lehrer: Traumberuf oder Horrorjob“, sowie als Kolumnist tut. Ulbrechts Text gewinnt durch die Ich-Perspektive seines Hauptprotagonisten eine vereinnahmende Intensität, deren schicksalshafte Entwicklung erahnbar, jedoch in ihrer letzten Konsequenz nicht vorhersehbar ist. Im Klappentext fasst ein Satz pointiert zusammen, was es mit den erzählerischen Stationen, den Streiflichtern im Leben Heinz Gödels auf sich hat: Es ist „ein eindringliches Psychogramm eines Lehrers…, der aus seinem Scheitern verhängnisvolle Konsequenzen zieht.“ Und auch wenn für im Hier-und-Jetzt mit all seinen digitalen Untiefen, unterhaltungstechnischen Fährnissen und Social-Network-Klippen verankerten „Normalbürger“ viele Aktionen Heinz Gödels für sich selbst nicht in Frage kämen, so sind Entwicklung und (Re-)Aktionen dieses Charakters in sich und seiner Welt beängstigend schlüssig. Nicht zuletzt, weil annähernd jeder, der das bestehende Schulsystem „genossen“ hat (vor oder hinter dem nicht nur sinnbildlichen Pult), einen frappierend ähnlich gestrickten Gödel in der ein oder anderen Ausprägung kannte resp. kennt.
Auffallend angenehm empfand ich bei der Lektüre die durchgehend wertfreie Schilderung Gödels und seines fortschreitenden Verblassens in der realen Welt. Arne Ulbrecht scheut sich nicht davor ansonsten oft im dunkle belassene Ecken (eine davon ist das Lehrerzimmer) minutiös auszuleuchten, Macht- und Psychospielchen und gruppendynamische Katakomben ans Licht zu befördern, ohne dabei in ein plattes Spannertum abzudriften. Es geht dabei um so sensible Themen wie Empathie, Zivilcourage, Cybermobbing – zur Abwechslung ist hier einmal nicht der Focus auf die Schüler-Schüler-Beziehung gelegt – oder auch um soziale Integration, Resilienz und nicht zuletzt um die Interpretation des pädagogischen Auftrags in dem Spannungsfeld zwischen idealisiertem Bildungsziel, dem Anspruch an das viel beschworene – jedoch selten akkordierte – Niveau, der Sinnhaftigkeit einer sozialen Tätigkeit wie des Lehrens und des Erfüllens extrinsischer Ansprüche. Keine leichte Lesekost, denn als solche würde sie dem Thema nicht gerecht. Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Text in so manchem Lehrerkollegium einen regen und durchaus nicht unproduktiven Diskurs auslösen könnte, der dringendst von Nöten ist.

Zum Buch: Neben der festen Verleimung, dem angenehm leserlich gesetzten Text und den für ein Paperback erstaunlich soliden Buchdeckeln fällt v.a. die stimmige bildnerische Umschlaggestaltung  ins Auge für die Gudrun Hommers firmiert. Ein weiteres kleines aber nicht unwesentliches Plus stellen die Einschlagklappen dar, auf denen das Kurzporträt des Autors, sowie eine Zusammenfassung des Buchinhalts Platz finden.

Buchdaten:

  • Titel: „Nicht von dieser Welt“
  • Autor: Arne Ulbricht
  • Umfang: 290 Seiten
  • Verlag: Klak Verlag; (1. Auflage, 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-943767-58-2
  • Größe: 20,0 x 13,3 x 2,1 cm

Das Bild im Spiegel

Juni 6th, 2016

"Dem Abgrund so nah" - Jessica Koch„Wenn er es schaffte seine Seele zu schützen, dann hatte er gewonnen.“ (S.64)

Zum Inhalt: Danny, dem Leser aus dem ersten Teil der Trilogie bekannt, sieht sich mit seiner Familie nach dem Umzug nach Deutschland mit einer völlig neuen Umgebung, einem Land mit teils schrägen Gewohnheiten und Ritualen, neuem Schulsystem, sowie gänzlich neuen Menschen konfrontiert. Seine anfängliche Frohnatur, der unbändige Lebensübermut und kindliche Leichtigkeit lassen ihn diese Welt erobern, ohne damit sonderliche Schwierigkeiten zu haben. Diese beginnen als sein Vater zusehends mehr dem Alkohol verfällt, vor Gewalt gegenüber seiner Familie nicht mehr zurückschreckt und in alte zerstörerische Verhaltensmuster zurückfällt, von denen er selbst glaubte sie überwunden zu haben.
Danny, der sich in kindhafter Vorstellung als Auslöser, wenn nicht gar Verursacher, dieser verheerenden Entwicklung wähnt, verliert sich mehr und mehr in dem Wettlauf um elterlicher Bestätigung, der Suche nach Richtig und Falsch in einer derangierten Welt, in der es einzig und allein um’s nackte Überleben geht – sowohl im eigentlichen, wie auch im übertragenen Sinne. Es sind nur wenige handverlesene Menschen, denen Danny zur richtigen Zeit begegnet, die ihm einen Anstoß in eine positivere Richtung geben, einen liebenden Satz äußern, eine ehrliche Zuwendung teilen, die seinen Lebenspfad prägen. Einen Pfad der stets haarscharf am Abgrund dahinschrammt…

Fazit: Im zweiten Teil der Trilogie bleibt Jessica Koch ihrem ein- aber nicht aufdringlichen Schreibstil treu, welcher weder in Thematik noch Wortwahl beschönigt. Der Spiegel in den Danny teils nicht zu sehen wagt ist auch im übertragenen Sinne jener, den sich eine Gesellschaft des Wegsehens vorhalten lassen muss. („Es gab Tage da schaffte er es kaum, in den Spiegel zu schauen, ohne mit der Faust gegen das Glas zu schlagen.“ (S.215)). Den inneren Zweispalt, das Genügen-Wollen, aber Nicht-genügen-Können, sowie den äußeren Anspruch Danny’s an sein Selbst fängt die Autorin auch sprachlich wiederum bravourös ein.  („Eltern wollten ein glückliches Kind, ein perfektes Kind. In einer scheinbar perfekten Familie musste ein Kind funktionieren.“ (S.44)). Keine erzählerischen Brüche verunziehren dabei den roten Faden der Entwicklung eines Kindes dessen Überleben einzig und allein von seiner Fähigkeit abhängt sein Innerstes vor dem endgültigen Zerbersten unter den Schlägen seines Vater und der Gleichgültigkeit seiner psychisch erkrankten Mutter zu bewahren. („Wenn er es schaffte seine Seele zu schützen, dann hatte er gewonnen.“ (S.64)). Die Triggerwarnung am Anfang des Textes sollte überdies nicht leichtfertig übergangen werden! Für zart besaitete Gemüter ist der Text nicht wirklich geeignet, obwohl sich die Autorin an keiner Stelle reißerischer Schilderungen als Selbstzweck bedient. Es ist, und dies  werden Betroffene wiedererkennen, einzig das Aufzeigen eines seelischen und physischen Spießrutenlaufes in einer Zeit, die in der Entwicklung eines jungen Menschen durch Liebe, Rückhalt und Vertrauen geprägt sein sollte. Vieles aus dem ersten Buch „Dem Horizont so nah“ wird in diesem Band noch um eine Nuance verständlicher und Danny um die ein oder andere Facette reicher. Eine gebrochene Lebensvision in einem schönen Gefäß, dessen Lebenswillen Vorbild sein kann, ohne vom schlichten Menschsein abgehoben zu wirken.

Buchdaten:

  • Titel: „Dem Abgrund so nah“
  • Autorin: Jessica Koch
  • Verlag: FeuerWerke Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN eBook: 978-3-945362-20-4
  • Dateigröße: 1MB (PDF)

 

(1) Alle Angaben, sowohl Seiten-/Positionsnummern, wie auch technische Details, beziehen sich auf die PDF-Ausgabe des Rezensionsexemplares

Parabio-Emotionaler-Wandelstoff

Juni 5th, 2016

"Kampf der Paramags" - Perry Rhodan Silberband 66

„Mit Hilfe der Technik konnte man viele angeborene Unzulänglichkeiten ausmerzen. Aber der Geist allein war es, der über die Möglichkeiten der Technik und der Wissenschaft hinausschoß.“ (S.275)

Zum Inhalt: Auf dem Planeten Asporco verfallen die Planetenbewohner in einen unerklärlichen Arbeitswahn, der soweit geht, dass sie darüber sogar Grundbedürfnisse wie die Nahrungsaufnahme vernachlässigen. Verantwortlich dafür, so die Annahme Rhodans und seiner Wissenschaflter ist der Einfluss des PEW Metalls (PEW = Parabio-Emotionaler-Wandelstoff) in dem riesigen Meteoriten, der einer Pfeilspitze gleich in der Oberfläche des Planeten steckt. Der Anstieg der Auswirkungen auf die Asporcos endet erst als der gesamte Meteorit sich anschickt, gleich einem Raumer ins All, in Richtung Zentrum der Galaxis aufzubrechen. Es wäre nicht Rhodan, würde er nicht Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um den zurückgebliebenen Asporcos in dieser schweren Zeit mit Rat und v.a. Tat zur Seite zu stehen.
Gleichzeitig ist es eine irritierende Vorahnung, die ihn veranlasst, den Meteorraumer zu seinem anfänglich nur zu erahnenden Ziel zu verfolgen. Je näher dabei die Marco-Polo, Rhodans Flaggschiff, mit den 8 Altmutanten an Bord dem Meteoriten kommt, desto mehr reagieren deren Asporco-Wirtskörper darauf. Erkundungen auf und in dem riesigen Himmelskörper ermöglichen einen ersten Kontakt zu dessen ursprünglichen Bewohnern, den Paramags, welche eine Enge „Symbiose“ mit dem PEW-Metall des Meteoriten aufweisen. Dieser Konnex schlägt sich in der Fähigkeit der Paratransdeformation nieder. Dass sich der Meteorraumer als eines mehrerer Erkundungsschiffe auf der Suchen nach PEW Metall entpuppt, und die irrige Annahme der Paramags, dass es im Solsystem den Planteten Zeut mit einem riesigen PEW-Vorkommen noch gäbe, lässt Rhodans Vorahnung langsam Gestalt annehmen. Es gilt den Plan der Paramags, das Solsystem zu übernehmen um die vermeintliche PEW-Quelle zu sichern, bereits im Anfangsstadium zu vereiteln.
Eine Kommunikation mit den Paramags erscheint schon allein aufgrund ihrer vollkommenen Andersartigkeit in Denken, Wertigkeit und Zielsetzung aussichtslos. Der dem PEW-Metal des Meteors entsprungene Paradox-I-Komplex ist dabei auch in keinster Weise hilfreich, stellt er sich doch immer öfter gegen die Terraner und ihre Verbündeten. Die Uhr tickt, denn gelangen die Paramgs erst an die Koordinaten des Solsystem aus der Positronik des Meteorraumers, scheint die unvorbereitete Menschheit in ihrem Heimatsystem schutzlos einem Übermächtigen Feind ausgeliefert zu sein.

Fazit:. Der spannende Handlungsverlauf rund um die 8 Altmutanten, die Asporcos, das mysteriöse PEW-Metall und nicht zuletzt die politischen Unbilden im Solsystem spitzt sich in diesem vorletzten Band des Altmutantenzyklus zu. Sollte es immer noch Leser geben, die der PR-Reihe vorwerfen, es handle sich nur um eine in den Weltraum verlegte „kosmische Landser-Serie“ ohne Ansprüche an Moral oder Hintergründiges abseits der SF-Abenteuer, dem sei die Geschichte um die Hilfe für die Asporcos an’s Herz gelegt. Einmal mehr erweist sich in diesem Band, dass moralische Implikationen einen sehr hohen Einfluss und Stellenwert in den PR-Geschichten haben, wie auch immer man zu diesen Werten im einzelnen stehen möge. Der Fan der klassischen SF kommt auch in diesen Band wieder auf seine Kosten, begleitet er doch viele der bekannten und liebgewonnenen Charaktere auf ihren keinesfalls stets vorhersehbaren Missionen. Als kleines Goodie habe ich die Notizen, die ich mir während des Lesens gemacht hatte als grafische Inhaltsangabe wieder im folgenden Link hinterlegt Grafische Inhaltsangabe Bd. 66 .

Zum Buch: Typografisch eher schlicht gehalten, drucktechnisch gut realisiert und handwerklich sauber verarbeitet macht der 66. Silberband einen rundum schönen Eindruck. Die detailierten Risszeichnungen an den Innenseiten der festen Kartondeckel sind vom Satzspiegel her etwas sehr nahe dem Außenrand, aber ansonsten wie üblich eine Augenweide. Auf jeden Fall ein Buch, das seinen Platz in der Sammlung der Silberbände verdient.

Buchdaten:

  • Titel: „Kampf der Paramags“
  • Umfang: 416 Seiten
  • Verlag: Verlagsunion Erich Pabel – Arthur Moewig KG
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3-8118-2086-9
  • Größe: 19,7 x 13,2 x 4,3 cm

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Menschsein in kosmischem Kontext

Juni 1st, 2016

"Zielstern Beteigeuze" - Karl-Heinz Tuschel„Was sie suchten, hatten sie nicht gefunden, was sie fanden, hatten sie nicht gesucht.“ (S.5)

Zum Inhalt: Auffälligkeiten im astrophysikalischen Verhalten des Sternes Beteigeuze rücken diesen in den Fokus der Forschung in einer Zukunft, in der es den Menschen gelungen ist, bemannte Raumfahrt auch über dermaßen große Distanzen möglich zu machen. Ein Crew bestehend aus Hirosh – Arzt und Koch -, Atacama – der ursprünglichen Leiterin der Expedition und Astrophysikerin -, Kiliman – einem Gesellschaftswissenschaftler -, Woleg – einem Raumfahrttechniker -, Delawara – einer Astronomin und Pilotin -, dem Ehepaar Rila und Gibralt – Meßtechniker und Piloten -, den Zwillingen Vienna und Kerala – den Basistechnikerinnen – und Elber – dem Planetologe- wird in Richtung des Sternes auf Kurs gebracht. In einem weitestgehend autark agierenden Raumfahrzeug gelangen sie wohlbehalten in ihr Zielgebiet, um dort festzustellen, dass die vorgefundenen Konstellationen weit mehr Rätsel bereithalten, als ursprünglich angenommen. Der vorgezeichnete wissenschaftliche Plan der Expedition und deren inhaltliche Zielsetzung müssen mehr und mehr hinterfragt werden, zumal niemand mit der Entdeckung eindeutiger Spuren einer Zivilisation gerechnet hatte, und schon gar nicht auf einen ersten Kontakt zu hoffen wagte. Die teils verwirrenden Antworten auf die unzähligen Fragen muss die Gruppe der Raumfahrer dabei dem  System rund um den Zentralstern Beteigeuze in mühevoller und spannender Weise abringen. Dass diese Antworten sich nicht stets in rein naturwissenschaftlichen Zusammenhängen, mathematischen Modellen und mit noch so ausgefeilten technischen Apparaturen finden lassen, wirft die Mitglieder der kleinen Gruppe – jeden auf seine ganz individuelle Art und Weise – auf den Kern des Menschseins und dessen kosmische Bestimmung zurück.

Fazit: Im Untertitel dem Genre des wissenschaftlich-phantastischen Romans zugeordnet weist der Text eine beinahe archetypische Klarheit in puncto Thematik, stilistischer und thematischer Aufbereitung, sowie sprachlicher Gestaltung auf. Dabei geht es weniger um den Aufbau einer reißerischen Spannung mit epischen Raumschlachten, apokalyptisch hereinbrechenden Unbilden oder charakterlich flach gezeichneten Aliens. Der raumfahrende, forschende Mensch steht mit seiner Sinnsuche im Zentrum des Geschehens. Längst sind Lichtjahre-weite Reisen kein Thema, auch Gravitationsmanipulation im eingeschränkten Maße möglich und dennoch bewegt stets die Frage nach dem Zweck des Daseins der Menschheit als Gesamtes und der Aufgabe des Individuums in diesem Kollektiv, sowie im kosmischen Kontext, den Forschergeist. Nicht nur einmal schneidet Tuschel in höchstem Maße gesellschaftsphilosophische Fragen an. („Die Philosophen haben gelehrt: In der Gesellschaft wird sich die Natur ihrer selbst bewußt.“ S.295) ), es ist auch das Kollektiv en miniture der Mannschaft, die in ihrer fast abgeklärt wirkenden wissenschaftlichen Distanz ihre zwischenmenschlichen Probleme exemplarisch zu lösen imstande ist. Man ist versucht darin eine Art Entwurf einer Idealgesellschaft zu sehen, deren fiktionale Bühne Tuschel zur Ausgestalltung sozialer Szenarien verwendet. Vielfach spielen dabei Technik und Wissenschaft eine tragende Rolle, immer jedoch auf dem Hintergrund eines zutiefst positiven Menschenbildes welches genau dieses Mensch-Sein als Kern der Stärken einer räumlich und zeitlich expandierenden Menschheit versteht. („»Ach, Junge«, sagte Hirosh seufzend, »unsere Mittel reichen weder aus, die Vermutung zu beweisen, noch, sie zu widerlegen. Sie ist bloß gegenwärtig grade mal nicht in Mode. Lebe noch ein bißchen länger, und du merkst, in der Wissenschaft gibt es auch Moden. Hat es schon immer gegeben.«“ (S.125)). Faszinierend ist auch auf diesem Hintergrund die Herausarbeitung gruppendynamischer Aspekte die nie konstruiert wirken, sondern sich organisch aus dem stimmigen Agieren der Protagonisten ergeben, dabei aber stets auch für den Leser nachvollziehbar bleiben. (Beispielhaft sei hier die Ablöse in der Leitungsfunktion der Expedition erwähnt.)

Zum Buch: Der farbig gestaltete Deckeneinband umschließt einen 304seitigen sehr stabil verarbeiten Buchblock, dessen Seitenbedruckstoff recht dünn ist und zum Vergilben neigt. Für die Typografie zeichnet Doris Ahrends verantwortlich, wobei der aus der Garamond® gesetzte Fließtext mit 11p eine angenehme Größe für entspanntes Lesen bietet. Neben dem Einbandmotiv hat Günter Lück auch die über den Text verteilten SW-Zeichnungen beigetragen, welche der Atmosphäre des Textes zusätzliche Intensität einhauchen. Neben dem bereits erwähnten etwas grobfaserigen Papier ist druck- resp. satztechnisch anzumerken, dass v.a. ab dem letzten Drittel der Seiten der Satzspiegel etwas gekippt – in Bezug auf den Frontschnitt des Buchblockes – auf der Seite zu liegen kommt (siehe hier als Beispiel). Einige kleinere Fehler im Druck tun dem v.a. auch künstlerisch ansprechenden Gesamteindruck des Bandes jedoch keinen Abbruch (z.B. hier).

Buchdaten:

  • Titel: „Zielstern Beteigeuze“
  • Autor: Karl-Heinz Tuschel
  • Umfang: 304 Seiten
  • Verlag: Neues Leben Berlin (2. Aufl. 1983)
  • Sprache: Deutsch
  • Lizenz-Nr.: 303 (305/327/83)
  • Größe: 21,7 x 14,8 x 1,9 cm

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Ein Bild sagt mehr…

Mai 29th, 2016

"Das Profihandbuch zur Nikon D90" - Jörg Walter„Viele bewährte Komponenten finden sich in der Nikon D90, die schon in anderen Modellen ihre Qualität bewiesen haben.“ (S.7)

Zum Inhalt: Jörg Walther unternimmt mit seinem Buch zur Nikon D90 eine Reise rund um die technischen und kreativen Möglichkeiten dieser bewährten und ausgereiften DSLR-Plattform. Keine der noch so in den Untermenüs der Kameraführung versteckten Einstellung bleibt dabei unbeachtet. Walther legt viel Wert auf den technischen Hintergrund der Funktionen dieser Kamera, d.h. auf das WIE. So wird nicht nur das EXPEED-Modul der D90, die interne Technik der Belichtungsmessung, Verschluss- und motorische Mechanismen beleuchtet, sondern auch Themen wie Akku-Management, GPS-Tracking, IPTC-Handling, Sensorreingung und ein Ausflug in Nikons teils verwirrenden Nomenklaturdschungel kommen nicht zu kurz. Stets wird versucht eben diese technischen Details in einen größeren, für die Fotopraxis tauglichen Kontext zu setzen, den die Sport-, Architektur-, Makro- oder Portraitfotografie, um nur einige beispielhaft zu nennen, dem ambitionierten  Fotografen bietet. Diese Techniklastigkeit des Textes mag den ein oder anderen Leser etwas abschrecken, erweist sich jedoch in der Auswahl der Motive, der kreativen Ansätze und nicht zuletzt des Zubehörs, allen voran der Objektive, als ungemein hilfreich. Neben den Interna der D90 liefert das Buch auch eine Vielzahl an hilfreichen Tipps zur Objektivauswahl, einen kurzen aber intensiven Exkurs in den Bereich des Umgangs mit Blitzlicht, sowie viele praktische Anleitungen zur Pflege von Kamera und Zubehör. Abgerundet wird der Text durch einen Blick auf die Nikon Software mit dem Aufzeigen der Stärken und der Grenzen derselben.

Themen / Kapitel:

  1. Konzept und Technik der Nikon D90
  2. Dynamik und Belichtung
  3. Schärfe und Fokus
  4. Die Blitztechnologie der D90
  5. Die Einstellungen und Menüs der D90
  6. Spezielle Fotothemen
  7. Live View und Videofunktion
  8. Die eingebaute Bildverarbeitung
  9. Die besten Objektive für die D90
  10. Handling und Pflege der D90
  11. Nikon Software

Fazit: Es ist schon fast ein wenig sehr viel, was in diesem hervorragend recherchierten Buch an nicht nur technischen Informationen vermittelt wird. Walther schreibt in der Einleitung: „Dieses Buch setzt auf das Nikon-Kamerahandbuch auf, das sich auf den Funktionsumfang der Kamera anhand der Bedienelemente konzentriert. Dieses Buch soll Ihnen den Einsatz der Funktionen anhand fotografischer Aufgabenstellungen und konkreter Problemstellungen erläutern.“ (S.7) Diesem Anspruch wird der Text mehr als nur gerecht und dem Leser wird durch die didaktisch gut aufbereiteten Kapitel ein profundes Verständnis der Kamera und ihrer schier endlosen Möglichkeiten zur Verfügung gestellt. Man kann das Buch mit Fug und Recht auch als eine Art Nachschlagewerk für die D-90 bezeichnen. Jedem der aus seiner D90 auch das letzte Quäntchen herausholen möchte, oder den einfach die Technik einer modernen DSLR – und im speziellen die der D90 – interessiert, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.

Zum Buch: Der Band aus der Data Becker Digital ProLine glänzt im wahrsten Sinne des Wortes durch wunderschöne Bilder, ein exzellentes Druckbild und vorbildlich gestaltetem Seitenlayout. Der Buchblock ist in seiner Stabilität geeignet als Arbeits- und Nachschlagewerk verwendet zu werden, was durch den festen kartonierten Einband noch zusätzlich unterstützt wird. Dem ersten Eindruck wird das Buch in jeder Hinsicht gerecht, wobei das hochwertige, sehr glatte Papier der Seiten dazu beiträgt auch die feinen Nuancen der Fotografien drucktechnisch darstellbar zu machen.

Buchdaten:

  • Titel: „Das Profi-Handbuch zur Nikon D90“
  • Autor: Jörg Walther
  • Umfang: 324 Seiten
  • Verlag: Data Becker
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-8158-2687-4
  • Größe: 24,2 x 19,4 x 2,3 cm

Von der bewegten Gabe Natur beseelt widerzugeben

Mai 23rd, 2016

"Das Insektenbuch" - Maria Sibylla Merian„…nach dem Leben und in natürlicher Größe gemalt und beschrieben von Maria Sibylla Merian“ (S.7)

Zum Inhalt: Eine der Zielsetzungen des vorliegenden Bandes ist die Präsentation, jenes Teils des Lebenswerks der Merian herauszustreichen, dessen künstlerisch und naturwissenschaftlich prägenden Aspekt nicht nur in kunstschaffenden Kreisen, sondern auch unter Entomologen Wellen schlug. Über 130 Seiten stellen farbigen Bildtafeln und deren Beschreibungen aus der „Metamorphosis insectorum Surinamensis“ dar, wobei – ebenso wie im Begleittext von Helmut Deckert – akribisch auf detailierte Quellenachweise und historisch korrekte Wiedergabe Wert gelegt wird.
Eben dieser Text Deckerts, einem Kenner in Sachen Merian, vermittelt geschichtliche Hintergrundinformationen, die Maria Sibylla Merians Lebensweg und Werkleistung nicht abgehoben unnahbar darstellen, sondern vielmehr das Bild einer Künstlerin entwerfen, deren Kunst einer bewegten Lebenslinie entspringt, wo glaubensinhaltliche Prägung und handwerklicher Fleiß gepaart mit einem hohen Grad an Resilienz im handwerklichen Schaffen ihren Niederschlag finden. Deckert formuliert dies u.a. wie folgt: „Alles, was sie erreichte, verdankte sie ihrem eigenen unermüdlichen Fleiß, ihrer Energie, ihrem Unternehmungsgeist und der Konsequenz ihrer künstlerischen und wissenschaftlichen Arbeit.“ (S.135)
Das Nachwort gliedert sich unter dem Titel „Zwischen Kunst und Wissenschaft“ dabei in die Teile „Leben und Werk Maria Sibylla Merians“, „Das surinamische Insektenwerk“, „Nachdrucke unseres Jahrhunderts“, sowie „Anmerkungen“ und deckt – soweit in der Kürze des Textes möglich –  ein breites Spektrum der biografischen und literatur- resp. kunsthistorischen Wissenslage rund um die surinamische Reise der Merian ab, ohne sich dabei in simpler Aufzählung chronologischer Fakten zu ergehen.

Fazit: Mit dem Insektenbuch der Merian in der aktuellen Auflage hält der Leser erneut ein bibliophiles Kleinod aus dem Verlagswerk des Insel Verlages in Händen, welches u.a. an das „Neue Blumenbuch“ anschließt. Die Farbtafeln sind eine Augenweide und der erläuternde Text von Helmut Deckert ein ungemein komprimierter Quell an Wissen aus und zum Leben und der Zeit einer bewundernswerten Künstlerin und Gelehrten. Auf jeden Fall ein Buch, das eine Empfehlung mehr als nur verdient.

Zum Buch: Gebunden in Fadenheftung von der Buchbinderei Spinner präsentiert sich der Buchblock solide verarbeitet zwischen den stabilen Buchdeckeln, deren Bezugspapier mit Motiven aus der Feder der Künstlerin einen ästhetisch ansprechenden Rahmen schaffen. Die typografische Ausformung hält sich unter Verwendung der Adobe Garamond bewusst zurück und lässt der künstlerischen Wirkung der 60 Farbtafeln genügend Wirkungsfreiraum. Dem hohen Standard des Insel Verlages folgend ist auch der Druck sauber auf dem sehr glatten Seitenbedruckstoff ausgeführt.

Buchdaten:

  • Titel: „Das Insektenbuch“
  • Autor: Maria Sibylla Merian
  • Umfang: 168 Seiten
  • Verlag: Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig (2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-458-20012-3
  • Größe: 21,8 x 13,8 x 1,5 cm

Von Wolpertingern, sprechenden Schwertern und dem silbernen Faden

Mai 9th, 2016

"Rumo & Die Wunder im Dunkeln" - Walter Moers„Was immer das Licht der Fackeln aus dem Dunkeln schälte, es war ein Anblick voller Wunder.“ (S.671)

Zum Inhalt: Wie beim Wolpertingernachwuchs nicht unüblich, sieht sich Rumo als Junges in der Fremde aufwachsen, weitab von seinen Artgenossen. Und um dem Ganzen noch die metaphorische Krone aufzusetzen wird er als lebender Proviant von marodierenden Zyklopen verschleppt. So eigen es klingt, trifft sich dies jedoch nicht schlecht, zumal er in seiner Gefangenschaft die anfangs reservierte Haifischmade Volzotan Smeik kennenlernt. Smeik ist es, der den jungen Wolpertinger quasi als Mentor unter seine Fittiche – oder eher Beinchen – nimmt. Einen nicht unerheblichen Teil der schaurigen Abenteuer lang begleitet Smeik Rumo. Die teils kuriosen, teils gefährlichen Unternehmungen des anfangs grünschnäbligen Wolpertingers reihen sich im wahrsten Sinne des Wortes an einem „silbernen Faden“ auf, der sich durch die Geschichte zieht. Er stellt sich als jenes Band heraus, welches Rumo mit seiner großen Liebe Rala verbindet.
Doch so einfach wie gedacht ist für den einzelgängerischen Rumo das gesellschaftliche Leben innerhalb der Stadtmauern von Wolperting nicht. Jene Stadt in welche ihn eben dieser Faden zu seinesgleichen führt. Nicht nur kulturelle Bildung, wie Lesen, Schreiben, Geschichte und das ihm verhasste Schachspiel gilt es hier zu meistern. Auch die ihm gelegeneren Fertigkeiten des Kämpfens, sowie der Taktik erlernt er in Gesellschaft anderer Wolpertinger. Das Leben in Wolperting könnte so schön sein, doch schneller als ihm lieb ist, sieht er sich einer tödlichen Herausforderung gegenüber, deren Ursprung in den unerforschten Tiefen Zamoniens, in der sagenumwobenen Untenwelt, ihren wenig einladenden Ursprung hat.
Diese Untenwelt ist es, in der die schlimmsten, alptraumhaftesten Kreaturen leben, deren einziges Ziel es scheint, Rumo das Vordringen nach Hel, der Hauptstadt von Untenwelt, zu verwehren. Auf seinem Weg nach Hel lässt Rumo in schlafwandlerischer Sicherheit, jedoch ohne Absicht, keine der infernalischen Höhlen, perfiden Fallen oder stets hungrigen Kreaturen aus, die Leib und Leben bedrohen. Er findet allerdings auf seiner finsteren Odyssee auch außergewöhnliche Freunde, die ihm nicht nur einmal entscheidend weiterhelfen.
Die finale Herausforderung, seine Wolpertingerfreunde, und nicht zu vergessen seine Rala, zu retten, ist es, die den kampferprobten Rumo antreibt und ihm die unglaubliche Kraft gibt, auch mit den arglistigsten Feinden, sowie den unbarherzigsten Schicksalsschlägen fertig zu werden, denn „das Schicksal ging seinen eigenen Weg, und der war nicht immer der geradeste.“ (S.679)

Fazit: Man möchte sagen Moers verdingt sich in Rumo als Fremdführer der speziellen Art: mit viel teils sehr doppelbödig dunklem Humor begleitet er mit Rumo den Leser auf seiner Irrfahrt durch jenen Teil Zamoniens, der den meisten glücklicheren Oberweltlern zeitlebens verborgen bleibt. Mit viel Liebe zum Detail schält er Charaktere aus dem Dunkel, ob nun Storr den Schnitter, Rumos nicht ganz so ehrliches sprechendes Schwert, die beredte Nurnenwaldeiche, die unvorhandenen Winzlinge und oder viele andere mehr. Seitenerzählungen rund um alle die Protagonisten bringen dem Zamonienreisenden in unterhaltsamen Erzählstunden das sagenhafte Land und die fabelhaften Bewohner näher. Doch muss man sich im dunklen Zamonien in Acht nehmen, denn wie bereits der Eydeet Dr. Oztafan Kolibril sagte: „»Wissen kann gefährlich sein, Wissen ist Nacht.«“ (S. 134)

Zum Buch: Ein Taschenbuch mit einem Korpus von etwas mehr als 700 Seiten hält der Leser mit „Rumo“ in Händen und die Aufgabe einer stabilen Verleimung des Buchblockes, sowie einer ausreichend festen Umschlagsausführung wurde bestens gemeistert. Die künstlerische Gestaltung ist, wie bei vielen Bücher von Walter Moers, einfach eine Liga für sich: gesetzt aus der Mendoza® liest sich der Fließtext nicht nur flüssig, es sind auch die in Form- oder Figurensatz (siehe S. 144) und in unterschiedlichen Schriftschnitten gestalteten Passagen eine typografische Augenweide, neben dem skurril lustigen Schreibstil á la Moers. Die unzähligen detailreichen Zeichnungen des Autors geben auch diesem speziellen Buch jenen bibliophilen Nachhall, der immer wieder Lust macht es erneut zu lesen oder für den Genuss einer Textpassage wieder aus dem Regal zu nehmen.

Buchdaten:

  • Titel: „Rumo & Die Wunder im Dunkeln“
  • Autor: Walter Moers
  • Umfang: 0696 Seiten
  • Verlag: Piper; Auflage: 17 (2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-492-24177-9
  • Größe: 19 x 12,5 x 3,9 cm

Gesellschaftsspiegel

Mai 3rd, 2016

"Und vergib uns..." - Sigrid Kleinsorge„Vielleicht stimmte es, irgendwo habe ich das gelesen, dass wir selten an das denken, was wir haben, aber immer an das, was uns fehlt.“ (Pos. 2196)1)

Zum Inhalt: Unspektakuläre Alltagsgeschichten, scheinbare Jedermannsschicksale und die beinahe gewohnten Unwägbarkeiten der in der „zivilisierten“ Welt Eingebetteten sind es, die den Einstieg in die Lebens-Geschichten des Textes bilden. In diese gleichmäßig dahinplätschernden Lebensströme, geprägt von der als selbstverständlich hingenommenen, ja schier eingeforderten, Wohlstandsgesellschaft dringt Fremdes ein. Fremdes, das sich in Sprache und Ausdruck, in Glaube und Weltanschauung, und nicht zuletzt schon im simplen Aussehen, einer angelernt reflexartig einfachen Zu- und Einordnung zu entziehen scheint.
Eben dieses Fremde, ob in Form der medial allgegenwärtigen Flüchtlingskrise, eines menschlichen Fehlers der „zum unzeitigen Verlust eines sinnvollen Lebens“ (Pos. 1157) führt, in der Aufgabe gewohnter Normen und liebgewonnener Rituale und dem vermeintlichen oder wirklichen Verlust von Kontrolle – über Menschen, wie über Entwicklungen – löst die basalste der menschlichen Reaktionen aus: Furcht.
Es sind die unbeeinflussbaren Veränderungen denen sich die Protagonisten stellen müssen: Ein junger Syrer, der versucht sein Leben in Deutschland durch Arbeit und gelebte Integration in den Griff zu bekommen, stets den Dämon des Krieges und der Verfolgung im Nacken. Eine Ärztin deren Selbstvorwürfe ihr Berufs- und Privatleben nachhaltig aus der gewohnten Bahn werfen. Zwillingsschwestern von denen sich die eine von Heute auf morgen als Pflegefall und die andere als Pflegerin wiederfindet. Ein intelligenter, junger Mann, der einer Gesellschaft den Rücken kehren will, in der „… die Menschen mehr und mehr mit dem Konsum und dem Vergnügen der Selbstdarstellung, dem das Selbst hinterherhinkte, beschäftigt waren, …“ (Pos. 1310) und der in dem faszinierend Fremden eine ihm entsprechende Richtung und sinnerfüllende Ordnung zu sehen glaubt. Eine Großmutter deren fein säuberlich zusammengezimmerte Welt in der Auseinandersetzung mit den ihr plötzlich befremdlichen Verhaltensweisen ihrer pubertierenden Enkelin aus den Fugen gerät. All diese Menschen von nebenan sehen sich mit einem schicksalhaften Wandel konfrontiert, dessen Geschwindigkeit sie nicht beeinflussen können, dessen gezeitengleiche Unaufhaltsamkeit die einzige Fixgröße in einem aus den Fugen geratenen Leben zu sein scheint.

Fazit: Es geht Sigrid Kleinsorge auch in diesem bewegenden Text, wie bereits in ihren vorangegangenen Büchern2), schlicht um Menschen. Was unspektakulär klingt, fesselt in seiner eindringlichen Aktualität und der sprachlichen Eleganz. Jeder der dargestellten Charaktere birgt für den aufmerksamen Leser einen ungemein hohen Wiedererkennungsfaktor, ist in sich stimmig geschildert – was keineswegs die Zerrissenheit mancher Seele abschwächt – und ist verknüpft durch einen teils lockeren Handlungsfaden, der das filigrane Geflecht einer scheinbar sicheren Gesellschaft widerspiegelt. Wie schon in „Die Abuela“ wird auch hier u.a. wieder ein zentrales Thema der Autorin thematisiert: der Umgang mit Veränderungen im Allgemeinen und im Alter im speziellen. Und wieder fällt auch in diesem Text die Absenz jedweden moralischen Zeigefingers auf, eine jener Eigenschaften, die Sigrid Kleinsorges Texte in meinen Augen ausgesprochen wertvoll, wenngleich frei jeder Wertung machen.

Buchdaten:

  • Titel: „Und vergib uns…“
  • Autor: Sigrid Kleinsorge
  • Ausgabe: Kindle Edition (223 Seiten Print)
  • Verlag: Amazon Media EU S.à r.l. (2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B01DO8Z8K6
  • Dateigröße: 630 KB

(1) Alle Angaben, sowohl Seiten-/Positionsnummern, wie auch technische Details, beziehen sich auf die Kindle-Ausgabe des Rezensionsexemplares
(2) Weitere Bücher von Sigrid Kleinsorge: „Die Abuela“, „Das achte Zimmer“, „Das Trio“

Totgeglaubte leben länger…

Mai 2nd, 2016

"Das Sterbe-Schlamassel" - Anette Kannenberg„… Zombies gingen ja immer“ (Pos. 3582)

Zum Inhalt: Murray und Wichgreve, den Lesern aus dem ersten Band bereits als verschroben skurrile Weltenretter bekannt, sind tot. Aber doch nicht so ganz, was beide, nachdem sie sich im Jenseits erst einmal mehr schlecht als recht eingestorben haben, erfahren müssen. Im Diesseits zurückgelassen bleibt u.a. Séamus, Dr. Murray O´Connors Klon-Sohn,  dessen Begeisterung für das Medizinstudium den absoluten Nullpunkt erreicht hat. Abstand sowohl von seiner bei ihm lebenden Mutter, seiner esoterisch bewanderten Nachbarin Liz, sowie dem Schatten seines genialen Vaters will er im verlassenen großelterlichen Domizil als angehender Schriftsteller finden.
„Er würde Horrorbücher schreiben, etwas über Zombies, Zombies gingen ja immer.“ (Pos. 3582), so zumindest seine romantische Vorstellung, die er in diesem Beinahespukschloss in die Tat umzusetzen gedenkt. Um wie vieles realer diese Vorstellung in sein Diesseitsleben Einzug hält- oder vielmehr in dieses einbricht -, was seine gespenstische, blumenbeetfixierte Nachbarin, ein ahnungsloser Angestellter der Stadtwerke namens Hunter und die gar nicht so aus der Luft gegriffenen Geschichten seiner Großmutter damit zu tun haben, erfährt Séamus im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib.
Während all dieser Begebenheiten oder vielmehr als transzendentaler Urspungspunkt derselben ist es dem Physiker Wichgreve ein schier an Besessenheit grenzendes Anliegen auf wissenschaftlich korrekte Weise zu bestätigen, dass eine interirdische Kommunikation zwischen den Seienswelten möglich ist – und dies abseits der im Jenseits streng geregelten „postlethalen Konversation“ (Pos. 2179). Dabei geht es für ihn, Murray und Hunter nicht nur im übertragenen Sinne um Kopf und Kragen und für den Rest der Welt um nicht weniger als die Apokalypse… mit einem diabolisch schwarzhumoristischen Augenzwinkern versteht sich 🙂 .

Fazit: Dass Fr. Kannenberg ihr Metier beherrscht, sieht man im doppelten Sinne: Zum einen ist es das inhaltliche Erlesen der Geschichte, zum anderen die lockere, durchdachte Gestaltung des Textes in typografischer und künstlerischer Hinsicht. So finden sich passend und stilvoll eingeflochten Textpassagen in Leipziger Fraktur, sowie schon auf dem Cover der Font Broken, der bereits in der Titelgestaltung einen Hauch der gedanklichen Versch(r)obenheit der Story erahnen lässt.
Die an Comics erinnernden Skizzen, anhand derer sich der Leser einen vagen Eindruck der verquerten Gedankengänge des Physikers Wichgreve machen kann, zaubern nicht nur ein Schmunzeln um die Mundwinkel, sondern halten einer halbwegs logischen inhaltlichen Überprüfung anhand des Textes einwandfrei stand. So ganz nebenbei helfen sie auch dem „naturwissenschaftlichen“ Verständnis – sofern man diesen Begriff hier verwenden möchte 🙂 – ungemein weiter.
War das „Mondmalheur“ noch eine weitestgehend dem halbklassischen SF-Genre zuzuordnende kurios bis grotesk anmutende Bühne auf der kauzige Charaktere ausgefuchste Gentechnologie, Raketentechnik und grenzgeniale Gravitationsmechanik praktizierten und deren Diesseitsbezogenheit dem Leser eine gewisse – wenn auch trügerische – Sattelfestigkeit im Hier und „Jetzt“ suggerierten, so muss man sich im zweiten Band der Trilogie auf wunderliche Séancen, surreale Szenerien, ausgesprochen Grenzwissenschaftliches und eine Humoreske á la Kannenberg einlassen. Und, so verstörend dies auch wirken mag, dabei dienen die nicht nur sozial derangierten Charaktere Murray und Wichgreve dem Lesenden als mentale Leitschiene, um sich nicht zwischen Diesseits, Jenseits und Solchseits zu verlieren.
Jedem der Lust verspürt, sich die schrill-schräge Geschichte zu geben, sei auf jeden Fall empfohlen den ersten Band vorab zu lesen, da sich erst aus diesem heraus ein Großteil des „Schlamassel“ erschließt. Die investierte Lesezeit lohnt sich allemal und zwar für beide Bücher.

Buchdaten:

  • Titel: „Der Sterbeschlamassel“
  • Autorin: Anette Kannenberg
  • Ausgabe: Kindle Edition (310 Seiten Print)
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B01DM5JD84
  • Dateigröße: 1770KB

(1) Alle Angaben, sowohl Seiten-/Positionsnummern, wie auch technische Details, beziehen sich auf die Kindle-Ausgabe des Rezensionsexemplares