Das Grab ist keine Grenze – Rezension zu „Das Rad der Zeit“ Bd. 2 „Die Jagd beginnt“ von Robert Jordan

April 22nd, 2017

Das Grab ist keine Grenze - Rezension zu „Das Rad der Zeit“ Bd. 2 „Die Jagd beginnt“ von Robert Jordan„Der Tod ist leichter als eine Feder, aber die Pflicht ist schwerer als ein Berg.“ (S.734)

Zum Inhalt:

Egwene kann sieht den lang gehegten Wunsch einer Ausbildung zur Aes Sedai in der Burg in greifbarer Nähe und lernt dabei neue Freunde kennen. Von Rand getrennt, versucht sie so viele Informationen über seinen Verbleib zu erlangen, wie sie kann. Unterdessen ist Rand auf der Jagd nach dem Horn von Valere, welches er im Gegensatz zu den vielen Glücksrittern, die ein ähnliches Ansinnen verfolgen, bereits in Händen hielt und um seine Macht in Grundzügen Bescheid weiß. Verlass ist dabei auf seine Begleiter, sei es nun Loial der Ogier, Hurin der Fährtensucher, seine Jugendfreunde Perrin und Mat oder den Ingtar Shinowa dessen überraschende Geschichte eine entscheidende Wende in der Handlung bringt. Das Horn zu finden, es dem Einflussbereich des Dunklen Königs zu entziehen, es in die vermeintliche Sicherheit der Shienarer zurückzubringen und damit die Ganze Verantwortung einer nie gewollten Heldenrolle abzulegen treiben Rand an. So sehr, dass er auch bereit ist für dieses Ziel auf die verhasste Fähigkeit zurückzugreifen, die Macht zu nutzen. Spürend, dass ihn deren Anwendung zunehmend verändert, zu einem ihm und den Gefährten Fremden macht, meidet er Kontakt zu dieser Kraft wo immer es auch kann.
Keineswegs geradlinig führt dabei das Rad der Zeit die Fäden der unterschiedlichsten Wesen im Gewebe rund um Ta’veren zusammen. Auch Rand beginnt zu ahnen, dass hinter seiner Herkunft ein Geheimnis versteckt liegt, dessen Tragweite und drückende Last ihn zu zerbrechend droht… und mit ihm alle die ihm etwas bedeuten.

Fazit:

Zu recht gilt die Saga „Das Rad der Zeit“ als einer der Meilensteine der modernen Fantasy, schafft es Robert Jordan doch ein Universum zu kreieren, in dem der Leser unzählige Stunden abtauchen kann in eine Welt ohne grobe logische Brüche, mit stimmigen Charakteren, deren Entwicklung genügend Zeit erhält um nachvollziehbar und kohärent zu sein. Gut durchdachter Aufbau, eine plastische Sprache und ein reger Wechsel zwischen informativen Sequenzen und spannungsgeladenen Abschnitten treiben die Handlung zügig voran. Es bleibt das angenehme Lesegefühl der Vorfreude auf den nächsten Band, das weitere Begleiten der ans Herz gewachsenen Protagonisten.

Zum Buch:

Der zweite Band der Reihe „Das Rad der Zeit“ die sich dem Original am engsten verschrieben hat, ist in der Aufmachung dem ersten gefolgt und glänzt durch ausgezeichnete Verarbeitung in Verleimung, Umschlaggestaltung, Druck und Bedruckstoffe. Sehr positiv ist zu vermerken, dass die Original-Cover-Motive benutzt wurden, keine Selbstverständlichkeit betrachtet man die gesplittete Auflage der Saga, deren Bilder i.d.R. mit dem Text nichts zu tun haben. Ausgesprochen hilfreich ist auch in diesem Buch die wunderschöne Landkarte und das Glossar am Ende des Bandes. Eine ausführlichere Beschreibung, sowie entsprechende Links findet sich in der Buchbeschreibung zum ersten Band der Serie, ebenso findet sich dort ein Link zur Äquivalenzliste der englischen und deutschen Bücher des Originals.

Buchdaten:

  • Titel: „Das Rad der Zeit 2 – Die Jagd beginnt“
  • Autor: Robert Jordan
  • Umfang: 780 Seiten
  • Verlag: Piper, Auflage: 4 (2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-492-70082-5
  • Größe: 21,5 x 13,5 x 4,4 cm

 

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Bei Licht betrachtet… – Rezension zu „Die Marsfrau“ – Alexander Kröger

April 15th, 2017

Titelbild "Die Marsfrau" - Alexander Kröger„»Das Leben ist im Letzten unerforschlich.«“ (S.51)

Zum Inhalt:

Mac O’Man und Alexej Bolscha sind ein eingespieltes Team. Als Terraformer auf dem Mars leisten sie zusammen mit ihren zahlreichen Kollegen Pionierarbeit in der Begrünung des Planeten und damit der Schaffung einer dem Menschen zuträglichen Atmosphäre. Ein Tag vergeht wie jeder andere. Routine par excellence sozusagen bis zu dem Tag an dem Mac jenes verstörende und verstörte Wesen in den von ihm und Alexej betreuten Anpflanzungen ausmacht, das alles auf den Kopf stellen soll.
Zur selben Zeit auf der Erde bemühen sich Wissenschaftler eine Synthese von tierischen und pflanzlichen Eigenschaften auf Zellniveau zu erreichen, um somit in kargen Umgebungen – also nicht zuletzt auch auf dem roten Planeten – die solide Grundlage einer Nahrungsversorgung für die menschliche Zukunft zu erarbeiten. Allan Nagy ist dabei einer der zentralen Motoren, den jedoch die Geister seiner Vergangenheit ebenso verfolgen, wie ethische und moralische Grundfragen zur Richtigkeit der Eingriffe, die mit Hilfe der Gentechnik zur bewerkstelligen sind. Es bleibt nicht aus, dass der nächste Schritt nach den Test mit „niederen“ Organismen gewagt wird und Nutztiere für den Mars mit assilimilatorischen Fähigkeiten kreiert werden. Allan wird, als in sein Kollege Sylvester immer wieder durch sein Interesse an den vergangenen Forschungen damit konfrontiert, mehr und mehr bewusst, dass seine früheren wissenschaftlichen Beiträge, ebenso wie die fatalen Fehlentscheidungen, auf der Erde ihren Schatten bis auf den Mars werfen. Und dabei hält dieser Planet eine Überraschung für ihn bereit, die – wenn auch erahnt – so doch von ungeheurlicher wissenschaftlicher, moralischer, ethischer und nicht zuletzt menschlicher Tragweite ist…

Fazit:

Die Erzählung, welche Alexander Kröger vor dem Leser ausbreitet könnte angesichts der stets wieder aktuellen Patentrechtstreitigkeiten großer Pharma- und Landwirtschaftsriesen um Genmanipulationen nicht brisanter sein. Er wirft Fragen auf, ohne dabei für eine bestimmte Seite polemisch zu vereinnahmen. Es sind die unterschiedlichen Charaktere, welche Kröger geschickt verschiedene Aspekte des Themas artikulieren lässt. Wo die Grenzen, aber auch die Möglichkeiten genetischer Manipulation liegen (können), darum drehen sich als eine der zentralen Fragen die erzählerischen Wendungen. Zum einen spürt man dabei eine gewisse Hin-und-Her-Gerissenheit zwischen Pessimismus („Gesetze wurden schon immer den Erfordernissen angepasst, erst recht ethisch-moralische.“ (S.234))  und Fortschittsglauben („Sobald man vom Nutzen, nein vom Funktionieren überzeugt war, hat man die Gentechnik angewendet. Krebs ist Geschichte, fast alle Erbkrankheiten sind ausgerottet, der verbleibende kleine Rest wird in den nächsten Jahren auch verschwinden. Wir werden bald den intakten Menschen haben, den Menschen ohne körperlichen Defekt, ohne geistigen, zumindest was die Anlagen betrifft…“ (S.189)).
Kröger will mit dem Text keinesfalls endgültige Antworten oder gar simplifizierende Richtlinien geben, sondern vielmehr Denkanstöße für ein komplexes Thema liefern, dem mit monokausalistischen Stammtischargumentationen nie und nimmer genüge getan werden könnte. Er überlässt es dem Leser (s)einen Standpunkt zu suchen und vielleicht zu finden. Die Protagonisten seiner Geschichte sind allesamt stimmig, von solidem Entwurf und durchgehend nachvollziehbar in Handlung, sowie Entwicklung, gekennzeichnet durch eine – wie mir scheint – positive Haltung Krögers zur Grundfähigkeit des Menschen aus Fehlern zu lernen.

Zum Buch:

Nachdem es sich bei Band 19 der Alexander-Kröger-Werkausgabe (AKW) um ein in Verarbeitung wie Aufmachung identes Buch, abgesehen vom Coverbild, wie bei Band 20 „Chimären“ handelt, sei hier auf ebendiesen für die Buchbeschreibung verwiesen.

Buchdaten:

  • Titel: „Die Marsfrau“
  • Autor: Alexander Kröger
  • Umfang: 273 Seiten
  • Verlag: Edition Solar-X (2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-945713-29-7
  • Größe: 19,5 x 13,8 x 1,9 cm

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Vom Gejagten zum Jäger – Rezension zu „Das Erbe der Yulocs“ Bd. 71 der Silberedition Perry Rhodan

April 8th, 2017

„Das Erbe der Yulocs“ Bd. 71 der Silberedition Perry Rhodan„»Rechnen sie auf alle Fälle mit einer Enttäuschung, dann trifft die Wahrheit sie nicht so hart«.“ (S.265)

Zum Inhalt:

Dem Tschatro von Yaanztar ist das Ceynach-Gehirn, als welches das von Rhodan gilt, ein Dorn im Auge. So greift er zu einer beinahe sagenumwobenen Rückversicherung für solche Fälle: dem Dem Ceynachkommando, bestehend aus den Gehirnen zweier Yulocs, von denen er einen für diese heikle Aufgabe auswählt. Dieser Yuloc mit Namen Torytrae setzt sich auf die Fährte Rhodans, dessen Karten damit denkbar schlecht aussehen, denn bis zu diesem Zeitpunkt wurde noch jedes Ceynach-Gehirn von den Yulocs zur Strecke gebracht, will heißen getötet.
Die Freundschaft Rhodans mit Heltamosch macht sich einmal mehr bezahlt. Heltamoschs Kontakte ermöglichen es nicht nur, Rhodans Gehirn in einen neuen Körper zu transferieren und ihn so kurzfristig aus der Schusslinie zu nehmen, sie ermöglichen auch das Aufsuchen einer der 3 an sich verbotenen Heimatwelten der Yulocs. Auf dieser Welt, Traecther genannt, versucht der Terraner verzweifelt in den Archiven des sagenumwobenen Yulocvolkes, einen Hinweis auf die kosmischen Koordinaten seiner Heimatwelt Terra zu finden.
Was Rhodan und seinen treuen Begleiter Gayt-Coor auf Traecther erwartet, übertrifft dann jedoch auch die kühnsten Ideen, derer Rhodan fähig war. Nicht zuletzt deswegen, weil er durch die Entdeckung der stofflichen Gegebenheiten, in denen er sich in Naupaum befindet einen herben Tiefschlag erhält.
Ganz der Diplomat, als der Rhodan sich bis dato stets bewiesen hat, versucht er einen Kontakt zu eben jenem Wesen herzustellen, dessen primäres Ziel seine Auslöschung ist: dem Yuloc Torytrae. Vom Gelingen oder Scheitern dieser Verbindung hängt in letzter Konsequenz nicht nur das Wohl oder Weh des Terraners ab. Auch jenes des Sternenreiches, dem er vorsteht und jenes seiner neu gewonnenen Freunde hängt an diesem seidenen Faden…

Fazit:

Waren die letzten Bände – v.a. die ersten beiden des Zyklus – eher serienuntypisch  flau, so bekommt die Geschichte um „Das Kosmische Schachspiel“ mit dem 71. Silberband wieder jenen Charme zurück, der Geschichten aus dem Perryversum auszeichnet. Nicht nur Freunde klassischer Abenteuer- und Actionstorys kommen auf ihre Kosten. Es gelingt den Autoren auch ein facettenreiches Bild der Völker, Charaktere und Kulturen jenes Universums zu zeichnen in das Rhodan verschlagen wurde.
Als kleines Goodie habe ich die Notizen, die ich mir während des Lesens gemacht hatte als grafische Inhaltsangabe wieder im folgenden Link hinterlegt Grafische Inhaltsangabe Bd. 71 .

Zum Buch:

Der Tradition der Silberbände folgend, ist auch dieser Band gut verarbeitet, weist einen solide verarbeiteten Buchblock aus griffigem Bedruckstoff auf und gibt sich drucktechnisch keine Blöße. Die künstlerische Gestaltung hält sich ebenfalls an die liebgewonnenen Eigenheiten der Serie, vom Kippbild auf dem Umschlag, bis hin zu den Risszeichnungen auf den Klappeninnenseiten. Ein diesbezüglich rundum gelungenes Buch.

Buchdaten:

  • Titel: „Das Erbe der Yulocs“
  • Umfang: 416 Seiten
  • Verlag: VPM Verlagsunion Pabel Moewig KG
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3-8118-2031-1
  • ISBN-13: 978-3-8118-2095-8
  • Größe: 19,7 x 13,2 x 4,1 cm

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Frischer Lesewind – Rezension zu „Lob des Taifuns“ von Durs Grünbein

April 1st, 2017

Titelbild "Lob des Taifuns" - Durs Grünbein„Verbring ihn allein
Diesen Tag – du wirst sehen,
Wieviel länger er dauert.“(S.37)

Zum Inhalt:

Mit dem Band Nr. 1308 aus der Inselbücherei stellt Durs Grünbein alle vier in Haikus verfassten Tagebücher seiner Japan-Reisen zusammen: ein großer Schritt in der Geschichte der deutschsprachigen Haiku-Dichtung.“(S.115) Die in Deutsch und Japanisch dargebotenen Kurzgedichte, in enger Anlehnung an die und in der Tradition der japanischen Haikus verfasst, nehmen den Leser in stenografischer Dichtheit mit auf eine Reise, welche Durs Grünbein zu (s)einem Japan-Erlebnis macht. Im Nachwort, dessen inhaltliche, historische und literaturkritische Fingerzeige ein lyrisches Universum öffnen, das dem klassischen Gedichtrezipienten ansonsten verschlossen bleibt, breiten Grünbein und Yûji Nawata einen irisierenden Teppich an Informationen rund um diese „poetische Kurz- und Kürzestform“ (S.102) aus.

Fazit:

Anfangs irritiert die Präsentation des lyrischen Textes stark, zumal, wenn man wie ich, des Japanischen nicht mächtig ist. Man kann jedoch getrost den Worten Yûji Nawatas im Nachwort vertrauen, wenn er schreibt: „Wenn daher Leserinnen und Leser dieses Buches der Insel-Bücherei unlesbare Schriftzeichen vor sich sehen, darunter viele chinesische, erleben sie das gleiche, was auch Grünbein erlebt und in seinen Haikus thematisiert hat. Diese Erfahrung schadet bei der Lektüre nicht, ist hoffentlich vielmehr hilfreich. Auch so kann die Zweisprachigkeit des vorliegenden Büchleins verstanden werden.“ (S.127)
Geerdet, ja beinahe geeicht von der Lyrik Heines, Brechts oder Hesses, fand ich in diesem Exkurs einen vollkommen neuen stilistischen Kosmos, den ich als Leseerlebnis nicht mehr missen möchte. Auch zeigt die auf diese Weise schreibende Erarbeitung einer Reise eine spannende und durchweg zur Nachahmung animierende Form der Reisedokumentation auf, die noch erheblich persönlicher, intimer als jene des Fotografierens oder Filmens ist. Am ehesten Vergleichbar dem Malen, jedoch sowohl zeitlich, wie auch raumtechnisch um Welten kompakter.

Zum Buch:

Ausgezeichnet in jedweder Hinsicht präsentiert sich der Band der Insel-Bücherei, sei es nun handwerklich buchbinderisch, wie auch drucktechnisch. Stets findet der Leser Buchkunst auf sehr hohem Niveau. Gesetzt wurde der Text aus den Schriften Adobe Garamond Pro und Kozuka Mincho Std., das Motiv des Einbandes wurde dem Einwickelpapier eines Tokyoter Sojawarenhändlers entlehnt und rundet das Buch ästhetisch stimmig ab.

Buchdaten:

  • Titel: „Lob des Taifun“
  • Autor: Durs Grünbein
  • Umfang: 136 Seiten
  • Verlag: Insel Verlag Frankfurt am Main (EA)
  • Sprache: Deutsch / Japanisch
  • ISBN-13: 978-3-458-19308-1
  • Größe: 18,5 x 12,2 x 1,4 cm

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Nicht stimmig – Rezension zu „Green Net“ von Wilfried von Manstein

März 25th, 2017

Einbandbild "Green Net" - Wilfried von Manstein„Als Lebewesen sind wir alle gleich. Nichts ist schlecht in der Natur.“ (S.41)

Zum Inhalt:

Wilfried von Manstein entwirft in seinem Buch ein Szenario, in welchem Pflanzen, verbunden über ein globales Netzwerk – genannt „grünes Internet“ (S.39) – aus Wurzeln, Botenstoffen, sowie auch tierischen Helfern versuchen, das Joch der menschlichen Unterdrückung abzuschütteln. Mittels eines Apparates, genannt Zeiter, gelingt es zum einen Menschen zu verlangsamen und Pflanzen zu beschleunigen, womit auch erst die potentielle Möglichkeit für die floralen Marodeure entsteht, sich ernsthaft gegen die als Krankheit empfundene Menschheit zur Wehr zu setzen. Dreh- und Angelpunkt sind dabei v.a. die beiden Charaktere Mario und Rado, deren Eltern dem Pflanzenaufstand bzw. dessen Vorläufern als eine der ersten zum Opfer fallen und für deren Rettung die beiden Jugendlichen Himmel und Hölle – teils im wahrsten Sinne des Wortes – in Bewegung setzen. In einer aus den Angeln gehobenen Welt, mit mystischen Wesen, von Zeitreisen, KIs und Robotern, sprechender Vegetation und durchaus menschlich agierender Fauna kämpfen sie sich mit nur einer Hand voll Verbündeter ihrem Ziel entgegen: der Genesung ihrer Eltern und des Planeten…

Fazit:

Die Idee hinter dem Text von Wilfried von Manstein, sowie die Aufmachung des Buches und der Teaser hatten mein Interesse an der Geschichte geweckt. Anfangs durchaus spannend geschrieben, wenn auch teils arg konstruiert, driftete die Story allerdings rasch in eine „böse Menscheit vs. gute Natur“-Platitüde ab, die mit fortschreitender Seitenanzahl immer abstruser wird. Abgesehen von flachen Charakteren – sowohl auf Seiten der Menschen, wie auch der der Pflanzen und Tiere – stören logische Brüche und völlig irrationale Zahlenspiele. So z.B. heißt es „In Schulen, Turnhallen und Gemeindezentren sterben die Menschen, Hunderttausende in jeder Sekunde.“ (S.150)  Das geht sich auch mit viel Fantasie nicht lange ohne eine komplette Entvölkerung der gesamten Welt aus, v.a. nicht so lange wie die Geschichte daneben weiterspielt.
Mit Zeitangaben wird ohnehin recht salopp umgegangen, da können schon mal Wochen oder Monate vergehen, was weder die Geschichte sonderlich weiter bringt, noch dramaturgisch zieht und auch das Verhalten der Akteure kann man dabei nicht wirklich als in sich stimmig bezeichnen. Da helfen auch Epizykeltheorien zu Zeitreisen wenig weiter!
Insgesamt erweckt die Geschichte für mich den unstimmigen Eindruck als hätte man nordische Mythologie, SciFi- und Fantasy-Versatzstücke, garniert mit einem arg antropomorphen Naturbild in einen Mixer geworfen und erwartet, es käme dabei eine in sich stimmige homogene Storyline heraus. Die durchaus vorhandenen guten Ansätze wurden aus meiner Sicht zu wenig genutzt.
Einen grobtextuell sehr störenden Fauxpas stellen für mich die 75(!) Kapitel auf 406 Seiten dar. Hier gilt definitiv: weniger ist mehr.

Zum Buch:

Der Band aus dem Verlag M. Boerner besticht optisch durch sehr schön gestaltete, feste Buchdeckel, die eine gewisse atmosphärische Wiedergabe des Textes resp. eine Einstimmung darauf versuchen. Der Bedruckstoff ist zum einen angenehm glatt, aber dennoch griffig, was dem Buch zusätzlich eine hochwertige Haptik verleiht. Ausgezeichnet ist auch die Fadenheftung realisiert und das Lesebändchen rundet den buchbinderisch sehr wertigen Eindruck noch einmal positiv ab. Typografisch wurde auf eine etwas größere Schrift und eine klare Strukturierung gesetzt. Einziges Manko in diesem Zusammenanhang ist ein Druckfehler, der sich allerdings bis zum Ende über die Druckbögen durchzieht (Beispiel siehe hier).

Buchdaten:

  • Titel: „Green Net“
  • Autor: Wilfried von Manstein
  • Umfang: 412 Seiten
  • Verlag: Verlag M. Boerner (2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-9424-9820-3
  • Größe: 21,6 x 14 x 2,9 cm

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Wesenszüge – Rezension zu „Chimären“ – Alexander Kröger

März 18th, 2017

Coverbild "Chimären" - Alexander Kröger„Genau wie ich wissen Sie, dass ethische und moralische Erwägungen in der Menschheitsgeschichte niemals eine entscheidende Rolle gespielt haben, wenn Wissen, Profitstreben und Kapital zusammentrafen.“ (S.11)

Zum Inhalt:

Dem Forscherteam rund um Dr. Lehmann und Master Shirley Lindsey gelingt ein medizinisch-biologischer Durchbruch. Nachdem man die Probleme mit Immunabwehr, dem Transfer von Genen- und Gengruppen innerartlich in den Griff bekommen hatte, wurde der logische nächste Schritt gewagt: das Sprengen von Artgrenzen. Zuerst an Tieren zur Perfektion getrieben, setzt sich Lehmann mit seinen Mitarbeitern über die zaghaften ethischen Bedenken hinweg und beginnt mit Hund-Mensch-Hybriden zu experimentieren. Die Tests verlaufen mehr als nur erfolgreich! So erfolgreich, dass sich die Mitglieder des Forscherteams unversehens mit zentralen Fragen eines regen Verstandes konfrontiert sehen, der weit über seinen ursprünglichen „Zweck“ hinaus, (s)einen Platz im Leben sucht – abseits bloßer Existenz. Gelingt es dem Schöpfer seinem Geschöpf die Frage nach dessen Platz in einer Welt zu beantworten, die mit der bloßen Existenz eben dieser Schöpfung in jedweder Hinsicht überfordert zu sein scheint?

Fazit:

Dr. Helmut Routschek, alias Alexander Kröger, kreiert mit „Chimären“ einen inhaltlich wie erzählerisch sehr dichten Text, dessen zentrale Thematik aktueller nicht sein könnte. Speziesübergreifende Genexperimente werfen nicht nur Fragen der reinen technisch-naturwissenschaftlichen Machbarkeit auf. Sie changieren auch nicht nur zwischen den Polen von rein edler medizinscher Hilfestellung und kalter betriebswirtschaftlicher Kosten-Nutzenrechnung. Vielmehr kommen Fragen der Ethik, der moralischen Verantwortlichkeiten und der Grenzziehungen zwischen dem Dürfen/Sollen und der Machbarkeit auf. Einen denkmöglichen Ansatz zeigt „Chimären“ auf, gespickt mit der zusätzlichen Implikation des „Selbst-Verständnisses“ der Geschöpfe des Homo faber. Wie viel des Schöpfers widerspiegelt sein Geschöpf? Und wenn das Geschöpf nach dem Sinn seiner Existenz, seiner Daseins-Berechtigung, seiner Zukunft fragt, welche Antworten hat eine Gesellschaft, die (kreiertes) Leben als Ding, als primär-wirtschaftliche Ressource sieht?
Die einfühlsame, beinahe liebvoll-empathische Schilderungen des heranwachsenden Ichs der Chimären im Roman stellt aus meiner Sicht einen der Höhepunkte des Textes dar, die den Autor weit abseits jedweder monokausalistischer Polemik einordnet.

Zum Buch:

Mit dem Band 20 der Alexander-Kröger-Werkausgabe (AKW) liefert der Solar-X Verlag ein solides Paperback-Buch. Sowohl der feste, abwischbare Einband, als auch der griffige Seitenbedruckstoff hinterlassen, ebenso wie die stabile Verleimung, einen angenehmen haptischen Eindruck. Typografisch ist der Text schlicht gehalten, mit hoher Wertlegung auf gute Lesbarkeit. Drucktechnisch gibt man sich keine Blöße, sowohl was den Text als auch den Umschlag betrifft. Für die bildnerische Gestaltung firmiert Klaus Brandt, welcher auch eine entsprechende Webpräsenz für die AKW eingerichtet hat . „Der langjährige Lektor und Partner des Autors, Wilko Müller jr., plant als Herausgaber in der Edition Solar X eine komplett neue Alexander Kröger Werkausgabe mit 20 ausgewählten Werken.“ 1) D.h. man kann sich als Liebhaber klassisch hochwertiger SF auf weitere Texte aus der Feder Krögers im Rahmen dieser Werkausgaben freuen.

Buchdaten:

  • Titel: „Chimären“
  • Autor: Alexander Kröger
  • Umfang: 176 Seiten
  • Verlag: Edition Solar-X (2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-945713-30-3
  • Größe: 19,5 x 13,8 x 1,3 cm

 

Quellen:
1.) Internetpräsenz Alexander Kröger

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Über Wahrheit und Lüge – Rezension zu „Der Wille zum Schein“ – Philosophicum Lech (Hrsg. Konrad Paul Liesmann)

März 11th, 2017

Titelbild "Der Wille zum Schein" Philosophicum Lech - Hrsg. Konrad Paul Liesmann„Das Lügen ist nicht grundsätzlich schlecht, sondern eine moralisch neutrale Fähigkeit, die schlechten Absichten dienen, die aber auch im Dienste guter und gerechtfertigter Absichten stehen kann.“ (S.36)

Zum Inhalt:

Nicht nur die Philosophie, vielmehr der Mensch als kulturelles Wesen per se changiert in dem emotional, moralisch geladenen Mienenfeld zwischen der Wahrheit und der Lüge. Nur allzuoft machen wir es uns dabei einfach, bemühen (Vor-)Urteile, gehen ausgetretene Denk-Wege, übernehmen vorbehaltlos Traditionen, scheinbar bewährte Meinungen, allgemein akzeptierte Ansichten, ohne hie und da stehen zu bleiben, einen Gang herunterzuschalten, uns bewusst die Zeit nehmend, über eine Dialektik zu reflektieren, die so selbstverständlich nicht ist.
Ist Wahrheit stets gut und Lüge durchgehend schlecht? Wie verhält sich das Wertesystem von Religion, Philosophie und Moral in Hinblick auf das Leben in realiter? Kann es lohnend sein, Lüge wider unseren ersten moralisch geeichten Impuls als ein Positivum anzusehen, welches an sich wertneutral ist und erst als Werkzeug in einer spezifischen Situation seinen Wert unter Beweis stellen kann / muss?
Diesen ebenso vertrackten wie spannenden Fragen gehen die 11 unterschiedlichen Beiträge des 8. Philosophicums Lech nach. Der Leser findet viele in sich schlüssige Denkgebäude, die jeweils einen sehr spezifischen Blickpunkt im Kontext des Autors ausbreiten. Dabei werden Gebiete wie Politik, Pädagogik, Theologie und Erkenntnistheorie ebenso erfasst, wie jenes heikle Thema des Journalismus, respektive der Berichterstattung und der wissenschaftlichen Wissensfindung. In Zeiten in denen Georges Orwells Buch „1984“ die Verkaufsränge erneut stürmt und die offiziellen Vertreter von Supermächten von „alternativen Fakten“ sprechen, stellt das Thema dieses Bandes an Aktualität vieles andere in den Schatten.

Enthaltene Texte:

Der Wille zum Schein (Konrad Paul Liessmann)
Über Wahrheit und Lüge

Über Wahrheit und Lüge im moralischen Sinn (Simone Dietz)

Die Beliebigkeit von Wahrheit und Irrtum. (Josef Mitterer)
Mit einem Exkurs zu Wahr- & Falschnehmung

Gemeinheit und Gemeinsinn (Georg Kohler)
Warum Machiavelli manchmal Recht hat. Über Lüge und Wahrheit in der Politik

Warum lügen und was wissen die Dichter? (Jochen Hörisch)

Die Lüge als ursprüngliche Endlichkeit von Norm und Autorität oder der Beginn der Poetik (Jürgen Partenheimer)
Ein Fragment

Nichts als die Wahrheit… ?! (Ulrike Felt)
Betrug und Fälschung in der Wissenschaft

Bildungslügen (Alfred Schirlbauer)
Über pädagogische Illusionen

Das Unglaubliche (Robert Pfaller)
Über Illusionen, Lust und Kultur

Wahrheit und Lüge – Eine Bewertung aus jüdischer Sicht (Walter Homolka)

Fazit:

Provokant im überaus positiven Sinne; so könnte man pointiert den Text für den Konrad Paul Liessmann als Herausgeber firmiert bezeichnen. Die Referenten des Philosophicums Lech stellen einmal mehr unter Beweis, das Philosophie keineswegs eine Beschäftigung für weltfremd vergeistigte Akademikerrandgruppen sein muss. Sie kann – und muss – sich ihrer gesellschaftlichen Aufgabe stellen, alternative, bereichernde Denkformen aufzeigen, Wege abseits der „Das-tut-Mann-so-oder-so“-Lösungen anbieten, durchaus nicht ungefährliche Denkmuster durchbrechen und aufrütteln. Das sind auch die Herausforderungen denen sich die Beitragenden stellen, Denkschemata aufzeigend, welche ein hohes Maß an Reflexion und Flexibilität vom Leser einfordern. Der Lohn ist eine wesentlich freiere, erweiterte Sicht auf die Vielfalt an Denkmöglichem, das uns intellektuelle Werkzeuge für den Alltag zur Verfügung stellt.

Zum Buch:

Optisch und haptisch ist dieser 8. Band des „Philosophicum Lech“ bis auf das Titelbild ident mit dem Vorgängerband „Ruhm, Tod und Unsterblichkeit“. Positiv kann man jedoch anmerken, dass die Verleimung dieses Mal wesentlich besser ausgefallen ist, was der Stabilität des Buchblockes zu gute kommt. Die typografische Gestaltung überzeugt durch strukturierte Klarheit, die künstlerische Umschlagsgestaltung durch Offenheit in Form und Farbwahl. Ein sehr schöner und ansprechend gestalteter Band.

Buchdaten:

  • Titel: „Der Wille zum Schein“
  • Autor: Konrad Paul Liesmann (Hrsg.)
  • Umfang: 256 Seiten
  • Verlag: Paul Zsolnay Verlag, Wien 2005
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3-552-05339-5
  • Größe: 25,0 x 12,7 x 1,7 cm

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Ein Leben in Aphorismen – Rezension zu „Franzi Berbikopf all-inklusive“ von Sigrid Kleinsorge

März 3rd, 2017

Titelbild "Franzi Berbikopf all-inclusive" - Sigrid Kleinsorge„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen und gegebenen und überlieferten Umständen.“ (Pos. 533)

Zum Inhalt:

Unfassbar! Sie hat wirklich das erste mal in ihrem Leben etwas gewonnen. Und auch das nur, weil ihre beste Freundin die Triebfeder war bei einem Preisausschreiben mitzumachen. So steht Franzi Berbikopf nach dem ersten Flugabenteuer mit beiden Beinen – wenn auch etwas wackelig vor Aufregung – auf dem Boden Lanzarotes. Herauskatapultiert in eine gänzlich andere Kultur, ein so tiefgreifend anderes Lebensgefühl, versucht sie ihren Lebenskompass an den neuen Erfahrungen auszurichten – oder etwa auch umgekehrt. Die überwältigenden Eindrücke versetzen sie zum einen stets erneut in Staunen, zum anderen rütteln sie an bisher ehernen Säulen ihrer Weltanschauung und Lebensauffassung. Ein Leben zum größten Teil geprägt von Fremdbestimmtheit, mit der rechtfertigenden Patina stets parater Weisheiten in Lied oder Versform, oder jenen „Geflügelten Worten“, die bereits der Büchmann zu sammeln verstand. Unter den zahlreichen Begegnungen während ihres Inselaufenthaltes ist der ihr auf Anhieb sympatische Achmed jene, die am ehesten das Potential birgt, Franzis Lebensgeister zu einer bis dahin nicht gekannten Selbstbestimmtheit aufzubauen.

Fazit:

Beinahe ausgestanzt aus dem alltäglichen Leben wirken die irisierenden Tage Franzis auf Lanzarote. Ein fast euphorischer Ausnahmezustand, dem sich Franzi in Grenzen hinzugeben vermag, wäre da nicht ihre Lebensgeschichte. Eine Geschichte deren Eckpfeiler, deren Leuchttürme ein Aphorismenschatz bildet, überliefert nicht zuletzt von ihrer Mutter. Und wenn ihr dieser Schatz schon über die schwierigsten Zeiten hinweg half, so wird er dies – so Franzis felsenfeste Überzeugung – auch in den guten verlässlich tun, denn  „die [Franzi] war automatisch in die Fußstapfen der Mutter getreten, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm…“ (Pos. 1132). Sigrid Kleinsorge gelingt es in diesem feinfühligen, jeodch nicht beschönigenden Text erneut, einen Lebensfaden aus dem gesellschaftlichen Gewebe zu heben, ihn dem Leser näher zu bringen, mit viel Empathie und der ihr eigenen respektvollen Art Menschen zu sehen, für die das eingangs angeführte Zitat als Lebensprogramm gilt. Lehnte man(n) sich weit aus dem sprichwörtlichen Fenster, so könnten man(n) soweit gehen den Kernpunkt der Geschichte auf die Frage zu kondensieren, in welchem Ausmaß unsere Geschichte unsere Zukunft, unser Handeln determiniert und wo – sofern vorhanden – unsere Entscheidungsfreiheit Niederschlag findet oder gar endet.
Für das Titelbild firmiert Margret Wolf, die es schafft viel Athmosphärisches des Textes bildnerisch einzufangen. Das klar strukturierte Layout verdankt der Leser der Agentur groessenwahn.com alias Anette Kannenberg und Olaf Heinrichs.

Buchdaten:

  • Titel: „Franzi Berbikopf all-inklusive“
  • Autorin: Sigrid Kleinsorge
  • Ausgabe: Kindle Edition (74 Seiten Print)
  • Verlag: Amazon Digital Services LLC, February 17, 2017
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B06X1D8XP4
  • Dateigröße: 367 kB

(1) Alle Angaben, sowohl Seiten-/Positionsnummern, wie auch technische Details, beziehen sich auf die Kindle-Ausgabe des Rezensionsexemplares

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Von Lebensmöglichkeiten – Rezension zu „Der Tor und der Tod“ von Hugo von Hofmannsthal

Februar 25th, 2017

"Der Tor und der Tod" von Hugo von Hofmannsthal„Da tot mein Leben war, ist nun mein Leben, Tod!“ (S.30)

Zum Inhalt:

Claudio hat in seinem Leben viel erreicht, zumindest im materiellen Sinne. Er ist an einem Punkt angelangt, an dem er mit einem ernüchternden Kassensturz seines Daseins feststellt: „Es scheint mein ganzes, mein versäumtes Leben verlorne Lust und nie geweinte Tränen“ (S.8) In diese Szenerie hinein tritt der Tod, jedoch nicht als Schnitter, als gruseliges Skelett, vielmehr als der letzte und somit unnachgiebige Lehrmeister, Claudio enthüllend, was denn Leben bedeutet. Ihm dienen drei Verstorbene – Claudios Mutter, seine verlassene Geliebte und sein engster Freund – als Beispiele dafür, dass zum Leben auch die Annahme von Schmerz, Leid und Pein gehören, ebenso wie die erfüllende Verbundenheit mit seinen Mitmenschen zählt. Claudio beginnt eine Ahnung davon zu bekommen, dass er die wirklich wichtigen Lektionen offensichtlich erst am unabwendbaren Ende seines Lebens lernen wird: „Erst da ich sterbe, spür ich, daß ich bin.“ (S.31).

Fazit:

Der Lebenskonjunktiv ist es, der Claudio wie eine schallende Ohrfeige beim Erscheinen des Repräsentanten der zeitlichen Endgültigkeit seines Lebens ins Gesicht schlägt. Der über ihm und seinen mit Egomanie und fehlendem Rückgrat gepflasterten Lebensweg zusammenschlägt. Am Ende jenes Weges dem sich jedes menschliche Dasein einmal stellen muss. Hofmannthal thematisiert in seinem Stück, angelegt als lyrisches Drama, eine jener ehernen Grenzen, an denen sich letztendlich alle Existenzentwürfe messen müssen, ihren ganz persönlichen Wert einlösen werden, das Résumé gezogen wird und das vor niemand geringerem als dem demaskierten Selbst. In einer etwas moderneren Variante könnte man den Bielefelder Hörsaal-Slam Beitrag von Julia Engelmann durchaus als ähnliche Herangehensweise verstehen, geht es doch auch hier um das, was wir für unsere Leben planen, während das Leben passiert.

Zum Buch:

Die Auflage 38 des als Nr. 28 geführten Bandes der Insel-Bücherei ist mit ihren 32 Seiten eher dünn gehalten, was den Verlag jedoch nicht daran hinderte, einen solide gestaltetes, fest gebundenes und optisch schlichtes jedoch ansprechend gestaltetes Büchlein zu produzieren. Die Typografie trägt der Tatsache Rechnung, dass es sich um ein Theaterstück handelt, und weißt entsprechende optische Gliederungen des Textkörpers auf. Dem Thema entsprechend – so könnte man mutmaßen – ist der Einband in Grautönen gehalten. Ebenso einfach wurde der griffige Bedruckstoff gewählt. Ein summa summarum ansprechendes Werk aus der Insel-Bücherei.

Buchdaten:

  • Titel: „Der Tor und der Tod“
  • Autor: Hugo von Hofmannsthal
  • Umfang: 32 Seiten
  • Verlag: Insel-Verlag Frankfurt am Main; 38. Auflage 1989
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3-458-08028-7
  • Größe: 18,5 x 12,2 x 0,9 cm

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Vielgestaltig – Rezension zu „Liebesgedichte“ von Bertold Brecht

Februar 17th, 2017

Titelbild "Liebesgedichte" - Bertolt Brecht„… und ich verbeuge mich in den Wind“ (S.49)

Zum Inhalt:

Brecht „hinterließ mit über 2000 Gedichten und drei großen Lyriksammlungen eines der umfangreichsten und gewichtigsten lyrischen  Werke der deutschsprachigen Literatur des 20. Jh.s.“1), so kommentiert Kindlers Neues Literaturlexikon das Lyrische Werk Brechts. In dem vorliegenden Band werden thematisch zusammengestellt einige der Liebesgedichte Brechts vor den Vorhang dieser überwältigenden Fülle geholt. 50 Stück sind es an der Zahl bei denen Brecht immer wieder zwischen lyrischen Formen changiert. In der Regel eingängig, melodiös gehalten ergänzen sich dabei Form und Inhalt in organischer Art und Weise, was den Leser oft mehr spüren als intellektuell analytisch erfassen lässt, was hinter oder zwischen den Worten ausgedrückt werden soll. Zumal die Perzeption und Interpretation gerade in Sachen Liebe eine ausgesprochen subjektive ist, wobei sich die Lyrik hierbei geradezu anbietet Brücken zwischen Gefühl und literarischem Ausdruck zu schlagen. So ist eines der für mich persönlich beeindruckendsten Gedichte aus diesem Band „Morgens und abends zu lesen“, de es in einer beeindruckenden Schlichtheit die Dualität von Zweisamkeit und Eigenliebe einfängt. Sonette, Balladen, Lieder selbst einfache kurze Stabreime spiegeln das Œvre Brecht in diesem Band ansatzweise wieder und machen die Lektüre zu einem Genuss.

Fazit:

Der kleine Band aus der Insel-Bibliothek kann nur als ein thematischer Einstieg in das lyrische Schaffen eines der bedeutendsten Schriftsteller des deutschen Sprachraumes dienen. Dies jedoch gelingt ihm außerordentlich gut. Elisabeth Hauptmann hat mit viel Gespür, sowohl für Autor wie für Leser, eine Auswahl arrangiert, welche die handwerkliche, wie auch inhaltliche Bandbreite Brechts ansatzweise wiedergibt. Auf jeden Fall ein überaus lesenswerter Beitrag mit dem die Insel-Bibliothek ihrem Anspruch erneut gerecht wird.

Zum Buch:

Aus der Insel-Bibliotheks-Reihe kommt mit dem Band 852 erneut ein liebevoll gestaltetes Büchlein im Hardcover. Die Bindung ist sehr schön und hochwertig realisiert. Wie bei diesen Büchern üblich wurde auch auf die Einbandgestaltung großer Wert gelegt, so dass ein individuelles bibliophil ansprechendes Werk geschaffen wurde. Die Typografie ordnet sich der lyrischen Ausrichtung des Textes unter und kann durchaus als spartanisch, jedoch nicht unästhetisch, angesehen werden. Einzig ein paar drucktechnische Lapsus trüben das Gesamtbild marginal.

Buchdaten:

  • Titel: „Liebesgedichte“
  • Autor: Bertold Brecht
  • Umfang: 70 Seiten
  • Verlag: Insel Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-458-08852-3
  • Größe: 18,5 x 12,2 x 1,0 cm

1)  Kindlers Literatur Lexikon Bd.3, S. 70

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