Ein Plus an Realismus – Rezension zu “Lob der Vernunftehe” von Arnold Retzer

Durch | 24. September 2024

Lob der Vernunftehe - Arnold Retzer„Die erfolgreiche Vernunftehe setzt vernünftigerweise auch auf die Liebe, alles andere wäre unvernünftig.“(S.50)

Zum Inhalt:

Arnold Retzers Buch „Lob der Vernunftehe“ ist ein bemerkenswertes Werk, das mit einer Mischung aus Psychologie, Soziologie und philosophischer Reflexion das Ideal der romantischen Liebe in unserer Gesellschaft kritisch hinterfragt. Retzer, u.a. systemischer Psychotherapeut, plädiert für die Vernunftehe – eine Ehe, die auf rationalen Entscheidungen und pragmatischen Überlegungen basiert, anstatt auf der Vorstellung ewiger Liebe und Leidenschaft.

„Lob der Vernunftehe“ beginnt mit einer Analyse des modernen Verständnisses von Ehe und Partnerschaft, wobei der Autor die verbreitete Idee der romantischen Liebe als fragil und illusionär entlarvt. Er argumentiert, dass die Erwartung, dass eine Ehe nur auf Emotionen und romantischen Gefühlen basieren kann, langfristig zum Scheitern verurteilt seien. „Ich hingegen behaupte weiterhin: Die Liebe ist kein biologisches Phänomen, obwohl wir oft genug die Liebe als etwas zu unserer Natur gehöriges empfinden. Ich meine, der Gegenstand der Liebe sind unsere Vorstellungen, die als Liebesgeschichten oder Mythen erzählt werden.“ (S.21f) Dabei greift er auf historische und soziologische Erkenntnisse zurück, die zeigen, dass Ehen in früheren Epochen oft eher pragmatische Bündnisse waren.

Retzer beschreibt die Vernunftehe als eine realistische und tragfähige Alternative. In einer Vernunftehe orientieren sich die Partner an gemeinsamen Interessen, Werten und Zielen, und nicht ausschließlich an romantischen Gefühlen, die oft flüchtig sind. Er betont, dass die Vernunftehe keineswegs lieblos sei, sondern auf einer tieferen, stabileren Verbundenheit basieren könne. Retzer nimmt dabei Bezug auf psychotherapeutische Modelle der Paartherapie und erklärt, wie Paare lernen können, Konflikte rational und sachlich zu lösen. „Konflikte ermöglichen den anspruchsvollen und komplizierten Prozess der Anpassung zweier Individuen und die Erzeugung einer gemeinsamen Welt.“ (S.180) oder „Je vertrauter wir miteinander werden, umso mehr gehen wir davon aus, dass die Worte, die Gesten, die Handlungen, die Aktionen und Reaktionen des Partners genau so sind, wie wir sie erwarten. Umso enttäuschter sind wir, wenn der andere sich abweichend verhält. Hochsensibel und empfindlich sind wir empfänglich für kleinste Abweichungen von der erwarteten Übereinstimmung. Ärger und Konflikt haben deshalb in erster Linie mit uns selbst zu tun. Auch für die Verschärfung von Konflikten, für Eskalationen des Streits sind wir zuständig. Nicht andere ärgern uns, sondern wir ärgern uns.“ (S.177) 

Ein ausgesprochen interessantes Kapitel widmet der Autor auch dem Thema Trennung / Scheidung, wobei er hier Parallelen zum Sterben resp. dem Verlust geliebter Menschen zieht: „Eine Paarbeziehung und Ehe, die es nicht mehr gibt, ist einem Todesfall vergleichbar. Mit beidem, einem Todesfall wie einer beendeten Ehe kann daher ähnlich umgegangen werden.“ (S.272)
„Was ist aber die Leiche bei einer Ehe? Es geht dabei nicht in erster Linie um eine andere Person oder eine Beziehung, sondern es ist die Trauer um eigene Vorstellungen, Ansprüche und Lebensentwürfe, die sich als lebensuntüchtig erwiesen haben und zu Grabe zu tragen sind. Gemeint ist damit, sich dem Scheitern, dem »Ableben« der eigenen Vorstellungen, Ansprüche und Lebensentwürfe auszusetzen und dabei ein anderer zu werden. Erst durch diesen Trauerprozess kann es zu einem Abschluss, d.h. auch zu einer Veränderung der eigenen Person kommen. Man kann dann einen neuen Anfang machen, weil man nicht mehr derselbe wie vorher.“ (S.273)

Fazit:

Retzers Analyse ist provokativ und bietet eine erfrischende Perspektive auf das Thema Ehe. Besonders seine Kritik an der romantischen Liebe spricht viele Missverständnisse an, die sich in unserer modernen Kultur als selbstverständliche Narrative etabliert haben. Die Vorstellung, dass Liebe und Ehe auf ewiger Leidenschaft beruhen sollten, führt oft zu Enttäuschungen und Scheidungen. Retzers Appell an die Vernunft und Pragmatik erscheint dabei besonders in einer Zeit sinnvoll, in der hohe Scheidungsraten und kurze Beziehungsdauer auf eine Krise in romantischen Beziehungen hindeuten.
Was ist der Beweggrund für einen derartigen Text? Die Antwort gibt Retzer selbst: „Es [Das Buch] möchte zur Entlastung der Ehe beitragen, damit sie wieder atmen, sich dehnen, sich strecken und wieder lebendig werden kann. Vernünftiger und realistisch meint daher, auch lebbar: menschlichen Möglichkeiten angemessen.“ Weiters regt Retzers Dekonstruktion des romantischen Liebesideals zum Nachdenken an und führt dem Leser vor Augen, dass es durchaus alternative Modelle des Zusammenlebens gibt.

Arnold Retzer stützt sich auf eine Vielzahl wissenschaftlicher und philosophischer Quellen und sowohl die Anmerkungen ab S. 276, als auch der Literaturspiegel am Ende des Buches sind mehr als nur einen flüchtigen Blick wert. Er zitiert unter anderem systemische und konstruktivistische Ansätze der Psychotherapie, um die Komplexität menschlicher Beziehungen zu verdeutlichen. Zudem lässt er die Erkenntnisse der Soziologie und Geschichtswissenschaft einfließen, um aufzuzeigen, dass das heutige Ideal der Liebesheirat ein historisch junges Phänomen ist. Historische Daten belegen, dass die Ehe über Jahrhunderte hinweg primär eine ökonomische und soziale Institution war, während die Liebesheirat erst seit der Moderne zum dominierenden Modell wurde. 

Und ja man kann dem Buch Einseitigkeit vorwerfen, ebenso wie begrenzte Anwendbarkeit in realiter. Es liegt auch in der Intention des Autors anzuregen, in eine (sehr) lebhafte Diskussion zu kommen. Nicht ohne Grund lautet der Untertitel „Eine Streitschrift für mehr Realismus in der Liebe.“ Aus meiner Sicht überwiegen bei weiten die positiven Ansätze Retzers, zumal er nicht antritt, Patentlösungen zu präsentieren, sondern wohltuende Sachlichkeit in eine oft emotional aufgeladene Diskussion bringt. Was mich als Coach und Berater besonders erfreut hat, ist die Interdisziplinarität der Sichtweisen. Die systemische Perspektive integriert er Erkenntnisse aus Psychologie, Soziologie und Geschichtswissenschaft, was ein Bouquet an Möglichkeiten in Paarbeziehungen schafft.

Zum Buch:

Das gebundene Buch kommt im roten Leineneinband, mit goldgelbem Indexband und kompakter Bindung, sowie weißem Schutzeinband zum Leser. Der Bedruckstoff ist haptisch sehr gut gewählt, der Druck sauber ausgeführt und keine stilistischen Extravaganzen lenken im Lesefluss ab. Verweise, Anmerkungen, sowie Hervorhebungen sind typografisch eindeutig identifizierbar, sowie der Fließtext klar strukturiert. Alles in allem ein sehr schönes und wertiges Buch.

Buchdaten:

  • Titel: „Lob der Vernunftehe“
  • Autor: Arnold Retzer
  • Umfang: 298 Seiten
  • Verlag: Verlag S. Fischer; Auflage 2009
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-10-062944-9
  • Größe: 20,9 x 13,2 x 2,5 cm

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