Mysterien – Rezension zu “Die Wunderübung” von Daniel Glattauer

Durch | 1. August 2024

Buchdeckel "Die Wunderübung" von Daniel Glattauer„Sie sehen ja, wo Verständnis hinführt, wenn nicht beide das Gleiche darunter verstehen.“ (Buchumschlag)

Zum Inhalt:

„Die Wunderübung“ von Daniel Glattauer ist ein humorvolles Theaterstück, das die Dynamik eines verheirateten Paares aufzeigt, welches sich in einer ernsten Beziehungskrise befindet. Das Werk ist ein tiefgründiges, dabei aber auch unterhaltsames Stück über die Höhen und Tiefen partnerschaftlicher Beziehungen und die Herausforderungen der Paarberatung. 

Joana und Valentin, die Hauptfiguren des Stückes, sind bereits lange Jahre verheiratet. Überschattet ist ihre Ehe jedoch von andauernden, zermürbenden Streitereien und gegenseitigen Vorwürfen. Die Kommunikation zwischen den beiden ist nahezu zusammengebrochen, und jeder scheint in seiner eigenen Realität unerfüllter Träume, Visionen und Wünsche zu leben, die sie immer weiter voneinander entfernen. So sagt der Berater schon nach kurzem: „Kompliment, in der Polemik sind sie ein eingespieltes Team.“ (S.17)

Joana und Valentin wollen jedoch in einem letzten Versuch, ihre Ehe zu retten, einen Paartherapeuten bemühen. Dieser versucht, mit einer Methode, die er selbst als „Wunderübung“ bezeichnet, den Filz zu lösen. Die Therapiesitzung, die den größten Teil des Stückes einnimmt, ist voll von humorvoll witzigen, aber auch schmerzhaften Momenten, die das Ehepaar durchläuft. Dies spiegelt sich auch schon im Setting anfangs wieder. Hier beispielhaft eine Regieanweisung dazu: „Der Raum sollte nicht nach »Arbeit« riechen, sondern entspannte Atmosphäre vermitteln. Dieser Zwang zur Ungezwungenheit schien sich gleichmäßig auf das gesamte Mobiliar zu verteilen.“ (S.7)

Das Stück kommt mit 3 Charakteren – beinahe minimalistisch anmutend – aus. Joana wird als intelligent und emotional dargestellt, jedoch auch als jemand, der dazu tendierend, sich in der Opferrolle wiederzufinden. Valentin ist pragmatisch veranlagt, eher ungeduldig sowie leicht reizbar. Er scheint direkte Konfrontationen zu bevorzugen. Der Therapeut bleibt größtenteils neutral und methodisch, zeigt aber auch eigene menschliche Schwächen und Vorurteile. Seine Techniken und Interventionen bringen das spröde Paar dazu, ihr Kommunikationsverhalten zu reflektieren, allerdings auf doch spezielle Art und Weise.

Fazit:

Das Stück beleuchtet verschiedene Themen wie Kommunikation in der Ehe, unerfüllte Erwartungen, die Rolle von Liebe und Respekt in langfristigen Beziehungen sowie die Effektivität und Grenzen der Paartherapie. Ein wiederkehrendes Motiv ist die Idee, dass Wunder in der Therapie nicht einfach passieren, sondern durch kontinuierliche Arbeit und die stete Bereitschaft, sich selbst und den Partner neu zu sehen, erreicht werden können.

Daniel Glattauer verwendet einen leichten, humorvollen Schreibstil ohne ziselierte Kunstgriffe, der bei allem Ernst die zentralen Themen begreifbar macht. Das Stück ist dialoglastig und die schnellen Wortwechsel zwischen den Charakteren treiben die Handlung voran. Dabei werden die Untiefen der emotionalen Verstrickungen erst peu à peu enthüllt. Die Struktur des Theaterstückes ist geradlinig  sich hauptsächlich auf die Interaktionen während der Therapiesitzung beschränkend. Dies wiederum lässt die Zuschauer direkt die Intensität des Geschehens spüren.

„Die Wunderübung“ endet auf eine Weise, die sowohl berechtigte Hoffnung als auch erdenden Realismus widerspiegelt. Glattauer geht es nicht darum eine klare Lösung anzubieten. Er zeigt, dass gegenseitiges Verständnis und Akzeptanz möglicherweise die initialen Schritte zur Überwindung von Beziehungsuntiefen sind. Das Stück schließt mit einem offenen Ende, das Raum für Interpretation lässt, ob Joana und Valentin ihre Beziehung retten können oder ob sie sich letztendlich trennen werden.

Insgesamt bietet „Die Wunderübung“ von Daniel Glattauer eine humorvolle, doch scharfsinnige Betrachtung der Komplexität von (ehelichen) Partnerschaften und der zwischenmenschlichen Kommunikation, präsentiert in einem kurzweiligen Theaterstück.

Zum Buch:

Der kleine Band im Hardcover sticht allein schon durch die schreiend rote Umschlaghülle hervor – ganz im Gegensatz zum schlichten weiß des Buchdeckels mit seinem Reliefdruck des Verlagslogos. Beides hat auf seine Art Charme. Buchblock und -körper sind solide verleimt, der Bedruckstoff haptisch sehr angenehm gewählt und der Druck tadellos ausgeführt.

Kleines Goodie: unter diesem Link findet sich eine Aufführung des Stückes im Peuerbacher Schlosstheater

Buchdaten:

  • Titel: „Die Wunderübung“
  • Autor: Daniel Glattauer
  • Umfang: 112 Seiten
  • Verlag: Deuticke; 2014
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-552-06239-9
  • Größe: 19,0 x 11,5 x 1,5 cm

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