„Sinnfindung vollzieht sich immer in einem schrittweisen Prozess, dessen einzelne Schritte wir Menschen häufig unbewusst umsetzen. Diese einzelnen Schritte bewusst zu machen und sie zu beachten, ist in Situationen seelischer Not für Therapeutinnen und Therapeuten, für Begleiter und Begleiterinnen ebenso wichtig, wie für die Hilfesuchenden selbst.“ (S.8)
Zum Inhalt:
„Bilder für’s Leben” von Ursula Tirier liest sich wie ein Brevier logotherapeutischer Praxis: kurz, prägnant, klientenzentriert, praktisch ohne übermäßig technisches Psychotherapeutendeutsch in den Anwendungsabschnitten. Und doch fundiert, soweit dies für das Verständnis der Interventionen von Bedeutung ist.
Der Titel ist dabei Programm: Die Auswahl der Bilder – etwa „Haus“, „Boje“, „Sprungbrett“ – ist nachvollziehbar, holt den Lesenden ab. Diese Bilder stecken voll symbolische Resonanz, und viele Menschen können intuitiv damit arbeiten. Tirier nutzt sie geschickt als Brücken zwischen innerer Erfahrung und therapeutischem Zugang. Die Stärke des Buches liegt in seiner praktischen Anwendbarkeit, dass es nicht abstrakt bleibt, sondern konkrete Bilder und Übungen anbietet, mit denen Menschen selbst arbeiten können. Für TherapeutInnen und BeraterInnen liefert es Impulse, die sich in die eigene Arbeit integrieren lassen. Genau hier zeigt sich die lange Arbeitserfahrung der Autorin.
Aus logotherapeutischer Sicht ist „Bilder für’s Leben” ein wertvoller Arbeitstext, weil er die oft abstrakten Fragen der Sinnsuche zu konkretisieren sucht:
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Tirier bringt die Wendung von Sinnannahme zu Sinnverwirklichung in symbolischen Bildern zum Ausdruck.
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Sie bietet Interventionen, mit denen Menschen aktiv mit Sinnfragen in Berührung kommen — nicht nur durch Reflexion, sondern durch inneres Bild und Gestaltung. „Viktor Frankl schrieb dazu: »Die Logotherapie versucht den Patienten auf einen konkreten und persönlichen Sinn hinzuordnen und auszurichten. Sie ist aber nicht dazu da, dem Dasein eines Patienten einen Sinn zu geben. (…) Sie erweitert das Wertgesichtsfeld eines Patienten, so dass er des vollen Spektrums personaler und konkreter Sinn- und Wertmöglichkeiten gewahr wird. Aber die Logotherapie macht dem Patienten nur sein Verantwortlichsein bewusst, um ihn dann selbst entscheiden zu lassen wofür: für die Erfüllung welchen konkreten Sinnes und für die Verwirklichung welcher persönlichen Werte. (…) Es geht nicht darum, dass wir dem Patienten einen Daseinssinn geben, sondern einzig allein darum, dass wir ihn instand setzen den Daseinssinn zu finden.«.“ (S.31)
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Das Buch kann in therapeutischer Arbeit als ergänzendes Werkzeug dienen, insbesondere wenn Worte allein ins Stocken geraten sind.
Allerdings: Es ersetzt nicht eine tiefgehende logotherapeutische (Aus-)Bildung, da der theoretische Hintergrund nur stellvertretend, jedoch nicht systematisch ausgeführt wird.
Fazit:
Tirier verknüpft ihre Methoden mit der logotherapeutischen Grundhaltung (Sinnorientierung) und belegt sie durch Fallbeispiele. So bleibt das Werk nicht „nur“ metaphorisch, sondern nachvollziehbar in beraterischem sowie psychotherapeutischem Kontext. Durchgehend spürt man, dass die Autorin auf Hoffnung, Neubeginn und Stärkung der Lebenskraft setzt. Der Text will nicht nur analysieren, sondern bewegen und motivieren — was in Zeiten der Krise, Zielfindung oder Neuorientierung besonders wichtig ist.
Für Leser:innen, die eine ausführliche theoretische Fundierung wünschen (z.B. zur Philosophie der Metaphern, zur Logotherapie oder zur Methodenkritik), dürfte das Buch an seine Grenzen stoßen, allein schon wegen seines Umfanges von gerade mal 112 Seiten. Es bleibt oft auf der Ebene von Bild und Anwendung, ohne tief in meta-theoretische Reflexion einzusteigen.
Dr. med. Ursula Tirier ist Leiterin des Instituts für Logotherapie und Existenzanalyse in Essen-Werden und arbeitet seit über 30 Jahren in eigener Praxis mit den Schwerpunkten Angststörungen, Depressionen und Psychoonkologie. Sie hält Vorträge und leitet Seminare in klinischen und seelsorgerischen Einrichtungen sowie am Viktor Frankl Zentrum und am Viktor Frankl Institut in Wien. 2019 erschien ihr erstes Buch „Dem Angstriesen entgegentreten. Schritt für Schritt zu neuer Lebensfreude“. Seit 2021 hat sie mit „LOGOS – Schritte zur Sinnfindung“ ihren eigenen Podcast. Weitere Informationen: www.logotherapie-essen.de
Zum Buch:
Für Herstellung und Verlag des Buches firmiert BoD – Books on Demand, was leider i.d.R. für eine doch recht mäßige Qualität in Sachen Handwerk rund um das Buch als Werkstück steht. So leider auch hier: Die Verleimung ist nicht darauf ausgelegt, das Werk als Arbeitsbuch zu verwenden, denn bereits nach einmaligem Durchlesen beginnt sich der Buchblock zu lösen.
Ansonsten erhält man was man zahlt: akzeptable Papier- und Druckqualität, sowie saubere Typografie. Ein wenig schade, den der Text hätte mehr verdient.
Buchdaten:
- Titel: „Bilder für’s Leben“
- Autor: Ursula Tirier
- Umfang: 112 Seiten
- Verlag: BoD; 2022
- Sprache: Deutsch
- ISBN-13: 978-3-7557-9714-2
- Größe: 19,0 x 12,0 x 0,9 cm