„Wir wollen Seel-Sorge als Sinn-Sorge kultivieren und das wollen wir so realisieren, dass auch der nicht priesterliche Lebensberater Seelsorge praktizieren kann, wenn er mit verzweifelten, hoffnungslosen, orientierungslosen Menschen zu tun hat, die seelische Stärkung und Tröstung – ja: Klarheit über die eigene Seele – suchen.“ (S.42f)
Zum Inhalt:
Mit „Sinnseelsorge – Ein Leitfaden für die Praxis“ haben Stefan Neufanger und Otto Zsok eine Handreichung geschaffen, die ihren spirituellen Hintergrund nicht leugnet, aber – wenn man so will – im Sinne der Ökumene all jene mit einbezieht, denen an der Sorge um die Seele eines Klienten liegt. Dabei wird immer wieder der Konnex zum Seelenbegriff der Logotherapie nach Viktor Frankl hergestellt. Das Buch gliedert sich in mehrere klar strukturierte Kapitel, die sowohl theoretische Grundlagen als auch praxisnahe Anleitungen umfassen.
Sieben sind es an der Zahl und die beiden Autoren wechseln sich in der Ausführung der einzelnen Themen ab:
- Kapitel (Stephan Neufanger) – Ärztliche Seelsorge und Sinnseelsorge
- Kapitel (Otto Zsok) – Seelsorge und Spiritualität
- Kapitel (Stephan Neufanger) – Spiritualität und die Lebenswelt der Menschen
- Kapitel (Otto Zsok) – Persönlichkeitsentwicklung und Seele
- Kapitel (Otto Zsok) – Die Seele
- Kapitel (Stephan Neufanger) – Seelenkräfte und Seelenheil
- Kapitel (Stephan Neufanger) – Sinnseelsorge und die tragische Trias
Neufanger und Zsok entfalten ein Seelsorgeverständnis, das sich weniger auf dogmatische Glaubensvermittlung als vielmehr auf die Sinnfrage als anthropologische Grundkonstante konzentriert. Dabei orientieren sie sich an der existenzanalytischen Sicht Frankls, ohne die religiöse Dimension auszublenden – im Gegenteil: Sie wird als potenzieller Raum für Transzendenzoffenheit anerkannt, ohne den Respekt für die ureigene Weltsicht des Klienten zu verlieren.
Besonders hervorzuheben ist die methodische Herangehensweise: Die Autoren entwickeln konkrete Interventionen, Fallbeispiele und Gesprächsformate, die sich sowohl in seelsorgerlicher als auch in beratender oder therapeutischer Praxis anwenden lassen. Das Spannungsfeld zwischen Freiheit, Verantwortung und Gewissensethik zieht sich als roter Faden durch die einzelnen Kapitel und verleiht der Argumentation sowohl Tiefgang als auch praktische Orientierung. Selbst das Theodizee Problem streift der Text: „Kann man Gott damit strafen, nicht mehr an ihn zu glauben, weil er dies oder jenes hat geschehen lassen? Vielfach steht hinter dem Versuch, auf erlittene Not mit Widerstand und Vergeltung zu reagieren, Hilflosigkeit und Unfähigkeit, Leid überhaupt zu ertragen.“ (S.207)
Ein weiterer Aspekt, den die beiden Autoren aus meiner Sicht ausgezeichnet beleuchten – und besonders hier sieht man auch den Praxisbezug der beiden – ist jener, den Frankl die „Tragische Trias“ (Schuld Leid und Tod) nennt. „Durch das, was ein Mensch auf Erden lebt, hinterlässt er Spuren, geistige Spuren gewissermaßen. Auf die kommt es an _ entscheidend in unserem Leben ist das, was ich in meinem Leben an Geistigkeit wahrnehme und erkenne und verwirkliche. Es ist die ureigenste Aufgabe, die das Leben jeder und jedem von uns stellt, das im Leben zu erkennen, was der Geist in ihm will. Diese Lebensaufgabe zu erfüllen, ist relativ unabhängig von den äußeren Bedingungen meines Lebens, es kommt alleine auf meinen geistigen Willen an“ (S.241)
Fazit:
„Sinnseelsorge“ ist ein fundiertes, zeitgemäßes und zutiefst humanistisches Werk, welches sowohl in der psychosozialen Beratung, in der pastoralpsychologischen Praxis, in der Lebens- und Sozialberatung, als auch im Coachingkontext wertvolle Impulse liefert. Es ist ein Plädoyer für eine Haltung der Offenheit, des Respekts und der Suche nach einem tragfähigen Sinn – gerade auch in existenziellen Krisensituationen. Der Unterbau des logotherapeutischen Seelenbegriffes von Viktor Frankl trägt zum einen zur Kohärenz des Textes, zum anderen mit den Ausführungen der beiden Autoren ebenso zur schillernden Breite im Kontext klientenzentrierter Sichtweisen bei.
Für alle, die mit Menschen in Beratung, Seelsorge oder therapeutischer Begleitung arbeiten – sei es religiös gebunden oder säkular – bietet dieses Buch einen reichhaltigen Schatz an theoretischer Tiefe, solider Reflexion und anwendbarer Praxis. „Durch das, was ein Mensch auf Erden lebt, hinterlässt er Spuren, geistige Spuren gewissermaßen. Auf die kommt es an _ entscheidend in unserem Leben ist das, was ich in meinem Leben an Geistigkeit wahrnehme und erkenne und verwirkliche. Es ist die ureigenste Aufgabe, die das Leben jeder und jedem von uns stellt, das im Leben zu erkennen, was der Geist in ihm will. Diese Lebensaufgabe zu erfüllen, ist relativ unabhängig von den äußeren Bedingungen meines Lebens, es kommt alleine auf meinen geistigen Willen an“ (S.241)
Zum Buch:
„Sinnseelsorge – Ein Leitfaden für die Praxis“ so der Titel und für die Praxis ist auch das Buch geschaffen. Die Buchdeckel des Softcoverbandes sind imprägniert und stabil, gleichzeitig jedoch angenehm flexibel, so dass das Nachschlagen oder Suchen gut von der Hand geht. Der griffige Seitenbedruckstoff ist von angenehmer Haptik, das Druckbild sehr schön, ohne Ausfransungen, Dublieren, Durchschlagen oder Schmitz. Grafiken sind in Graustufen gehalten, sauber im Druck, gut lesbar und typografisch hält sich das Layout schlicht.
Fließtext, Überschriften, Zitate und weitere Textteile sind optisch gut voneinander getrennt. Auch die Verleimung des Buchblockes weist das Buch als Arbeitsunterlage im engsten Sinne des Wortes aus: solide, stabil, langlebig. Ein Buch das handwerklich ebenso überzeugt wie inhaltlich.
Buchdaten:
- Titel: „Sinnseelsorge – Ein Leitfaden für die Praxis“
- Autor: Stephan Neufanger, Otto Zsok
- Umfang: 251 Seiten
- Verlag: EOS-Verlag; 2. durchgesehene Auflage 2009
- Sprache: Deutsch
- ISBN-13: 978-3-8306-7397-2
- Größe: 21,0 x 14,0 x 2,2 cm
