Mediatives Denken – Rezension zu “Vom guten Umgang mit Differenzen” von Noa Zanolli

Durch | 26. März 2025

Vom guten Umgang mit Differenzen - Noa Zanolli „Alle Friedensstifter, alle Mediatorinnen, alle Vermittler in Streitigkeiten, ob sie akademisch ausgebildet sind oder nicht, denken mediativ, d.h. sie suchen den Ausgleich zwischen verschiedenen Sichtweisen, sie suchen Gemeinsamkeiten in unterschiedlichen Standpunkten, sie suchen Berührungspunkte in Differenzen. Das ist mediatives Denken. Es wurde seit jeher praktiziert. Der Ausdruck soll das Bewusstsein darüber, dass jeder Mensch vermittelndes Denken lernen und mediativ Denkender werden kann, verbreiten.“ (S.39)

Zum Inhalt:

Noa Zanolli hat mit “Vom guten Umgang mit Differenzen” für mich wieder einmal unter Beweis gestellt, dass das Gewicht eines Buches in keiner Relation zum Gewicht des beinhalteten Textes stehen muss ;-). Mit dem kleinen aber sehr feinen Büchlein bricht Zanolli eine Lanze für die Mediation im allgemeinen und für das  mediative Denken oder vielmehr die mediative Lebenshaltung im Speziellen.

Die Autorin spannt den Bogen nicht nur über ein breites Spektrum philosophischer und psychologischer Schulen – Hesse bis Hegel, von Frankl über Rogers und Bateson bis de Bono – sie bringt ihre Idee des mediativen Denkens in die „Niederungen“ des ganz alltäglichen Lebens. „Ferner ist es für mediativ Denkende ganz natürlich, kombinierendes, kreatives Denken anzuwenden und ihre Betrachtungsweise zu verändern, um über alte Ideen hinwegzukommen und Raum für neue Ideen und Gefühle, ja für andere Realitäten zu schaffen. Sie betrachten die Dinge gewissermaßen mit dem Weitwinkelobjektiv und begrüßen die Rundsicht den Einbezug ungewohnter Perspektiven.“ (S.46)

Zanolli ist dabei stets angenehm weit entfernt von Utopien der unrealistischen Konflikt- oder Streitvermeidung. Es geht ihr vielmehr um eine Entmystifizierung und Normalisierung der zwischenmenschlichen Unwägbarkeiten: „Ein Konflikt soll nicht als ein Problem, als eine Konfrontation oder ein Streit mit Gewinnern und Verlierern gesehen werden, sondern als eine momentane Krise in einer menschlichen Interaktion, also eher als Schwierigkeit, sich gegenseitig verständlich zu machen.“ (S.31)  

Ganz besonderes Augenmerk legt Zanolli in ihren Ausführungen auf eine Kompetenz, welche nicht genug geschult, gepflegt und in die Praxis des Umgangs miteinander getragen werden kann, jene des aktiven Zuhörens. Su schreibt sie beispielsweise: „Bei einem Streit geht es vor allem darum, gehört und verstanden zu werden. Dies bedeutet Wertschätzung und Anerkennung, zwei lebensnotwendige Grundstoffe für ein gutes Miteinander.“ (S.8f) und weiters „Das Zentrale an Rogers‘ Vorgehen ist das eingehende, beobachtende, wertschätzende Zuhören, das seinen Klienten vollste Aufmerksamkeit schenkt. Es ist ganz darauf ausgerichtet, die Anliegen und Sorgen der Klienten so umfassend wie möglich zu verstehen und ihnen sein Verständnis zusammengefasst auch wieder mitzuteilen. Dieses Vorgehen versichert den Klienten: Ja, ich wurde verstanden.“ (S.28)

Bereits ein Blick in das Inhaltsverzeichnis macht neugierig:

  1. Ein »neues« Denken
  2. Eine wertorientierte Lebenshaltung
  3. Mediatives Denken ist lernbar
  4. Anwendungsbereiche und Wirkung

Den Text lockern Werke der Illustratorin Esther Fischer-Homberg auf und untermalen so noch einmal visuell den Inhalt der Texte.

Fazit:

Noa Zanolli fasst ihren Text “Vom guten Umgang mit Differenzen” respektive die Intention dahinter treffen zusammen, indem sie schreibt: „Das Verfahren und das Vorgehen in der Mediation sowie das mediative Denken, kann von allen gelernt werden, sei es durch lesen oder einen Lehrgang, durch Beobachtung und Nachahmung, durch Gespräch und Reflexion.“ (S.52) und sie geht noch weiter, indem sie eben dieses Denken (und in Folge Handeln) an die Basis der Demokratie stellt: „Und so ist das mediative Denken und Vorgehen letztlich auch ein demokratisches Prinzip, das zwar auf dem Mehrheitsprinzip basierend Beschlüsse fasst, aber dennoch beratend und mediativ möglichst viele Anliegen zusammenzubringen versucht.“ (S.76)

Immer wieder kommt Zanolli auf die bereits eingangs gestellten Fragen „Wer wollen wir sein? Wie wollen wir leben?“ auf welche das mediative Denken treffliche Antworten bereithält.

Zum Buch:

Handwerklich hält der Leser mit dem kleinen Band ein sehr schön verarbeitetes Buch in Händen. Der exakt geschnittene Buchblock wird umschlossen von stabilen Buchdeckeln, welche bereits die Zeichnungen der Illustratorin Esther Fischer-Homberg zieren. Das Druckbild ist ausrissfrei, sauber und auch die feinen Linien der Illustrationen kommen dadurch gut zur Geltung.

Buchdaten:

  • Titel: „Vom guten Umgang mit Differenzen“
  • Autorin: Noa Zanolli
  • Umfang: 96 Seiten
  • Verlag: Wolfgang Metzner-Verlag; Auflage 2020
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-96117-062-3
  • Größe: 18,9 x 12,5 x 1,2 cm

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